Tag 10 – Schlafentzug

Seit gestern Nacht haben wir (fast) kein Auge mehr zugetan, da in jeder Freiwache irgendetwas anderes dazwischen kam. Wir starteten bei angenehmen 4-5 Beaufort mit Großsegel und ausgebaumter Genua in die Nacht. Bei Wachwechsel gegen Mitternacht liefen wir mit dieser Besegelung runde 6,5 Knoten, was mein Bauchgefühl als grenzwertig einstufte, obwohl wir im Prinzip keine Welle hatten und sich nichts übermäßig belastet anfühlte. Da wir gerade so schön schnell in die richtige Richtung unterwegs waren, entschieden wir, an den Segeln nichts zu ändern und ich schickte Andrea ins Bett. Ein fataler Fehler, wie sich bald herausstellte: aus dem Nichts kam plötzlich eine Bö mit 27 Knoten daher. Kasimir, unser Autopilot, hatte wohl gerade eine unaufmerksame Sekunde und ließ das Schiff mit über 8 Knoten aus dem Ruder laufen, d.h. wir hatten innerhalb kürzester Zeit Seiten- statt Rückenwind. Ich stürzte ins Cockpit, aber es war zu spät: in diesem Moment knickte unser Alu-Spibaum ab wie ein Streichholz (sorry Henning, aber ich denke, es ist reparabel :-)) und fiel mit lautem Getöse aufs Vorschiff. Nach einer kurzen Schrecksekunde rollte ich die Genua ein. Andrea stand inzwischen im Schlafanzug und mit weit aufgerissenen Augen ebenfalls im Cockpit und schaute mich fragend an. Ich ging nach vorne, um zu sehen, wie groß der Schaden ist: wie durch ein Wunder hat der Baum keine Luke durchschlagen oder auch nur einen Kratzer ins Gelcoat gemacht! Glück im Unglück gehabt! Nur leider werden wir jetzt wohl ohne Spibaum nach Antigua kommen müssen, denn ich denke nicht, dass wir den mit Bordmitteln reparieren können. Schade! Ich schickte Andrea wieder ins Bett. Aber keine Stunde später fing es plötzlich an zu regnen. Unser erster Squall (ein kurzer tropischer Regenschauer, meist verbunden mit starkem Wind) war im Anmarsch! Wiederum weckte ich Andrea, diesmal um das Großsegel zu bergen. Der Regen kam, der Wind blieb aus. Bis weit nach Sonnenaufgang ging anschließend ein Squall nach dem anderen über uns hinweg, alle mit herrlichen Regenbögen, die direkt neben dem Boot, noch im Wasser, anzufangen schienen und wie im Bilderbuch einen perfekten Halbkreis bildeten. Inzwischen blies es mit 6-7 Beaufort und es bauten sich steile hohe Wellen auf, die von einem noch höheren alten Seegang, der aus Norden anrollte, überlagert wurden. Wir refften das Vorsegel so, dass wir noch 5-6 Knoten liefen. Doch schon kurz darauf hatten wir keine Lust mehr, den direkten Weg nach Antigua zu steuern, denn die genau von der Seite anlaufenden Wellen krachten dermaßen von unten an unseren Salon, dass an Schlaf nicht mehr zu denken war. Seither laufen wir vor den Wellen ab, Kurs 230° statt 260°, nun ist (fast) wieder Ruhe an Bord der Silence! Im Moment beobachten wir gerade einen anderen Katamaran auf dem AIS-Radar, der wohl eher der Segel- als der Komfortliebhaber ist: mit teilweise über 10 Knoten fährt er auf dem richtigen Kurs nach Antigua! Zugegeben, er wird sehr schnell dort sein, aber falls er es noch nicht war, wird er jedenfalls dann taub sein ;-).
Wir hoffen, dass sich im Laufe des morgigen Tages der Wind und vor allem die Welle wieder beruhigt und wir dann wieder etwas mehr Schlaf bekommen. Wir sind echt todmüde! Wir sind halt doch (noch) eher die Passätchen- als die Passat-Segler…

Ein Gedanke zu „Tag 10 – Schlafentzug

  1. Hallo
    ich finde es ganz toll, dass ihr bei all dem was ihr das so zu tun habt, eure Aufregungen und Erfahrungen laufend mit uns teilt. Ich wünsche euch weiterhin eine gute Fahrt. Lasst euch nicht von anderen schnelleren Booten stressen.

    Grüße
    Stefan

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