Tag 22 – Shining auf See

Falls jemand mal einen Regenschauer braucht: wir hätten hier welche im Dutzend abzugeben! Also wenn das die trockene Saison in den Tropen ist, dann möchte ich die feuchte aber gar nicht erst erleben. Das ist doch nicht mehr normal. Wir hatten bei unserer ersten Atlantiküberquerung genau 0 Squalls. 0! Und diesmal haben wir aufgehört zu zählen, so viele sind das. Das schlimmste daran ist auch nicht das bißchen Wasser, das da vom Himmel fällt, sondern der böige Wind und die konfuse Welle, die dieser aufwirft. Und mit letzterer hat man dann die ganze Zeit zu schaffen, nicht nur, wenn gerade ein Schauer vorbeizieht. Daher kommt dann auch das wilde Geschaukel an Bord, von dem Andrea gestern so eindrücklich berichtete. Echt anstrengend!
Ich sehe nun auch ein, dass es langsam wirklich Zeit wird, dass wir ankommen: ich habe gestern die letzte Dose Bier ausgetrunken!!! Ok, ok, das Gemüse geht auch zur Neige, wir haben nur noch Kartoffeln und Karotten. Beim Obst sieht es besser aus, allerdings sind ebenfalls gestern die Bananen ausgegangen. Ein weiterer Grund, endlich anzukommen, ist meine wahrscheinlich angebrochene Rippe, die durch die ständigen Schiffsbewegungen und die damit verbundenen Muskelanspannungen nicht richtig heilen kann. Dummerweise habe ich vor allem auch im Liegen Schmerzen, was die sowieso schon kurzen Schlafphasen nicht gerade erholsamer macht. Auch jegliche Segelmanöver sind gar nicht gut für den Zustand meiner Rippe. Ich habe schon gar keine Lust mehr, das Großsegel zu setzen: gestern bin ich dabei blöd mit der Hand von der Schot abgerutscht und habe mir selbst auf den Oberkörper geboxt – 3 mal dürft ihr raten, wohin genau der Schlag ging :-(. Anschließend schrie ich meine Wut darüber so dermaßen aufs weite Meer hinaus und rannte dabei wie ein wild gewordener Stier über Deck, dass Andrea Angst vor mir bekam und sich sehr an die Rolle von Jack Nicholson in Shining erinnert fühlte (ohne Scherz!). Vielleicht sollte ich mich doch etwas bremsen, bevor sie sich in unserer Kabine einsperrt und ich sie mit der Axt da rausholen muß…
Aber selbst, wenn wir das Großsegel tatsächlich nicht mehr setzen würden, könnten wir nur schwer verhindern, dass wir spätestens am 26. Januar in Antigua ankommen. Es hat nämlich recht viel Wind, der auch ganz genau in unsere Richtung bläst, so dass wir schon die Motoren im Rückwärtsgang laufen lassen müssten, um unsere Ankunft noch zu verzögern :-).

2 Gedanken zu „Tag 22 – Shining auf See

  1. Oh wei, oh wei … wünsch Euch für den Rest Eures Törns jetzt gleichmäßigen Passat, der ein bißchen Wach-Rhythmus einkehren läßt …
    Toitoitoi …

  2. Hallo Ihr Gestressten auf der „ISS“ Silence! Wie gut kann ich Euch nachfühlen (Erinnerung an die Rückreise, nicht die Hinreise). Die Kräfte lassen nach und der Schlafentzug fordert sein Tribut. Da erscheint einem sogar ein Bürotag mit einem frischen Kaffee als reine Erholung dagegen. Es ist eine Höchstleistung, dass Ihr zu zweit diese Strecke zurücklegt! Die Natur-Kräfte da draußen lehren Demut und der Mensch merkt, dass er nur Gast ist auf dem Wasser. Aber Ihr werdet es schaffen. Ihr habt ein Ziel vor Augen. Und dann werdet Ihr Euer ganzes Leben stolz sein können auf diese Leistung! Ihr fahrt da draußen gerade einen Marathon, irgendwann fängt alles an, weh zu tun… aber viele Leute stehen an der Strecke und feuern Euch an… Wie wär der Spruch: „Ein Weltumsegler kennt kein Schmerz“? oder „Quäl Dich, Du lahmer Fisch“? oder „Aufgeben ist was für Weichtiere“? „Was denn, nur noch 600 Meilen?“ „Endlich habt Ihr mal Zeit“? Ihr Lieben: Haltet durch und gute Besserung für die Rippe!! wünscht Claudia

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