Wilder Ritt nach Martinique

Nach zwei Wochen mit nur mäßigem Wind mussten wir „unser“ Kiteparadis Union Island leider hinter uns lassen und Kurs auf Martinique nehmen. Dort werden wir in einigen Tagen Claudia, Jochen und Jolanda an Bord nehmen, die uns für zwei Wochen besuchen werden. Wir freuen uns schon riesig darauf, und wollten natürlich in jedem Fall rechtzeitig dort sein!

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Nach einigem Überlegen und Diskutieren, wie wir die gut 120 Seemeilen zwischen Union Island und Martinique am besten in Angriff nehmen sollten, kamen wir zum Entschluss, die ganze Strecke in einem „Rutsch“ zu segeln, was etwa 24 Stunden dauern würde. Außerdem wollten wir versuchen, an der Ost- also an der Atlantikseite von St. Vincent und St. Lucia vorbeizusegeln, um das übliche Lee hinter den teils recht gebirgigen Inseln zu vermeiden. Die Entscheidung sofort los zu fahren fassten wir vor allem aufgrund des Wetterberichts, der für die nächsten beiden Tage noch mäßige Ostwinde, dann aber starke Nordostwinde prophezeite. Da die kleinen Antillen von Grenada im Süden bis nach Martinique in der „Mitte“ in einem leichten Bogen nach Osten verlaufen, wäre Südostwind zwar optimal gewesen, aber wir dachten, dass die angesagte Windrichtung „Ost“ auch noch ausreichen müsste, um auf einem Bug, also ohne gegen den Wind aufkreuzen zu müssen, bis ans Ziel zu kommen.
Somit fuhren wir mit unserer Silence noch am selben Tag in das ungefähr 3 Seemeilen entfernte Clifton, um dort auszuklarieren. Leider hatte sich im Süden von Union Island zum Mittag hin eine riesige Squall aufgebaut, die die Windrichtung komplett durcheinander brachte. Bei frischem Südsüdwestwind und strömendem Regen stand die immer höher werdende Welle direkt in die Bucht hinein. Trotzdem ankerten wir, allerdings blieb Andrea sicherheitshalber an Bord, während ich alleine zum Flughafen (oder vielleicht eher zum Flughäfchen) ging, um auszuklarieren. Auf der Rückfahrt mit dem Dingi erwischte mich eine große Welle und ich war nass bis auf die Unterbüchse :-). Hier konnten wir die Nacht beim besten Willen nicht verbringen! Also sofort raus aus den nassen Klamotten und den Anker raufholen, bevor es zu spät ist, den Ankerplatz noch vor Einbruch der Dunkelheit zu wechseln. Die Tobago Cays lagen sowieso auf unserem Weg, also motorten wir die paar Meilen noch rüber und ankerten dort in zumindest halbwegs ruhigem Wasser.
Nach einem erholsamen Schlaf gingen wir morgens gegen 8 Uhr Anker auf. Kurz zuvor hatte ich noch ein Bad genommen, um das Geberrädchen unserer Logge sauber zu machen, das mal wieder verkrautet war. Man kann sich nicht vorstellen, wie fruchtbar das Meer hier (und natürlich auch das Land) ist! Obwohl das Rädchen mit speziellem Antifouling (eine giftige Farbe) behandelt ist, wächst es innerhalb weniger Tage wieder zu. Aber ich will mich nicht beschweren, denn durch meinen kleinen Schnorchelausflug konnte ich fünf oder sechs große Rochen beobachten, die sich im Sand unter unserem Boot tummelten.

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Die Ausfahrt aus der Rifflandschaft der Tobago Cays war problemlos, da die Sonne hinter uns stand und wir so die Untiefen deutlich an der Farbe des Wassers erkennen konnten. Um unseren Plan in die Tat umzusetzen, an der windzugewandten Seite der Inseln vorbeizufahren, war uns klar gewesen, dass wir zuerst einmal einige Meilen gegen Wind und Welle anmotoren müssten, bevor wir die Segel setzen können. Das wäre bei den angesagten 15kn Ostwind auch möglich gewesen, aber leider hatte es eher 20kn und so mussten wir recht schnell einsehen, dass unser schöner Plan bei diesen Bedingungen sinnlos ist. Somit segelten wir doch auf der Leeseite der Inseln in Richtung Norden. Eigentlich hätten wir eher nach Nordnordost fahren müssen, aber auch in der Windrichtung hatte sich der Wetterbericht geirrt: Nordost- statt Ostwind! Verdammt! Nur gut, dass wir nicht ins Luv der Inseln gefahren sind, denn wir hätten den notwendigen Kurs nicht halten können und uns immer wieder mit Aufkreuzen oder motoren vom Land freihalten müssen…
Leider mussten wir so mit anderen Problemen kämpfen. Bis an die Südspitze von St. Vincent hatten wir sehr böigen und teilweise starken Wind mit einer recht steilen Welle. Wegen unserem Am-Wind-Kurs krachte diese zwischen den Rümpfen von unten dermaßen gegen den Boden unseres Salons, das wir jedes Mal dachten, dass das Schiff gleich auseinander fällt. Das mag ja mal 1 oder 2 Stunden ganz lustig sein, aber nach beinahe 7 Stunden waren wir dann doch froh, als die Wellen im Lee von St. Vincent endlich aufhörten. Obwohl wir fast fünf Seemeilen von der Küste entfernt waren, ließ leider auch der Wind sehr stark nach, so dass wir etwas mehr als eine Stunde motoren mussten.

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Im Norden der Insel war ich dann froh, dass wir uns heute von Anfang an für das 2. Reff im Großsegel entschieden hatten. Ganz plötzlich fielen Böen mit teilweise 30kn in unsere Segel, die manchmal nur einigen Sekunden andauerten. Nach einer halben Stunde hatten wir dann unseren „alten“ starken und böigen Wind und die steile Welle wieder zurück. Wiederum konnten wir aufgrund der Windrichtung und den Wellen den nötigen Kurs nach St. Lucia nicht anlegen. Es wurde langsam dunkel und in diesem Moment sah es so aus, als würden wir die Insel um 20 Seemeilen verfehlen, was mindestens fünf zusätzliche Stunden bedeuten würde, in denen wir wieder zurück an die Küste motoren müssten.
Andrea hatte schlauerweise die Zeit im Lee von St. Vincent genutzt, um uns einen sehr leckeren Linsen-Kürbis-Nudel-Eintopf zu kochen. Jetzt fiel die Nacht herein und wir bekamen wie immer um diese Zeit mächtig Hunger. Da wir den Steuerstand bei diesen Bedingungen nicht nur dem Autopiloten überlassen wollten, aßen wir nacheinander. Anschließend gönnte ich mir trotz des ohrenbetäubenden Lärms 2 Stunden Ruhe. Schlafen konnte ich allerdings nicht wirklich.
Als ich wieder zurück ins Cockpit stolperte, um Andrea abzulösen, waren wir fast schon an der Südspitze von St.Lucia angekommen. Zwischenzeitlich konnte sie doch wieder einen besseren Kurs fahren und wir befanden uns „nur“ sechs Seemeilen vor der Küste. Da wir beide völlig k.o. waren, waren wir uns schnell einig, dass wir keine Lust darauf haben, die ganze Nacht durchzufahren und vor allem auch noch den Kanal zwischen St. Lucia und Martinique zu überqueren. Also nahmen wir Kurs auf die im Norden von St. Lucia gelegene, riesige Rodney Bay, um dort zu ankern und ein paar Stunden Schlaf zu bekommen. Allerdings war es inzwischen schon 22 Uhr und wir waren noch gut vier Stunden von dieser Bucht entfernt! Aber die Buchten im Süden waren uns entweder zu eng oder zu gefährlich, um dort bei Nacht einzulaufen. Kurz nach dieser Entscheidung verabschiedete sich mal wieder der Wind, da wir endgültig im Lee der Insel waren. Also Genua einholen und Motor an. Zwischenzeitlich braute sich um uns herum ein Gewitter nach dem anderen zusammen; in allen Richtungen waren Blitze zu sehen, allerdings kein Donner zu hören. Also wohl alle weiter weg, aber ein bißchen unheimlich war das schon. Denn mit einem 17m hohen Mast auf dem Wasser rumzufahren ist ungefähr genauso schlau wie bei Gewitter auf freiem Feld einen langen Blitzableiter nach oben zu halten. Aber was will man machen, da muss man halt durch!
Das ständige und gleichmäßige Gebrummel der Motoren machte mich immer müder, bis sich auf der Höhe von Castries, der Hauptstadt St. Lucias, plötzlich zwei Straßenlaternen von der Küstenlinie ablösten und mit hoher Geschwindigkeit auf uns zukamen! Sofort hechtete ich zum AIS Radar und sah, dass sich ein 100m langer Frachter, den ich fünf oder zehn Minuten zuvor auf eben diesem Radar noch friedlich im Hafen liegen sah, auf Kollisionskurs befand und auch noch Vorfahrt hatte. Kaum war ich wieder am Steuerstand um den Kurs um 90° nach Steuerbord zu ändern, leuchtete er mich auch schon mit einem Megascheinwerfer an, um mich auf meine Ausweichpflicht aufmerksam zu machen. Nach dieser Aktion war ich zwar halbblind aber auch wieder hellwach. Also jetzt mal ehrlich: aus diesem Hafen fährt doch allerhöchstens ein Schiff pro Nacht raus! Der fiese Kerl hatte doch auf uns gewartet, um uns dann mit Höchstgeschwindigkeit vor die Nase zu fahren! Grummelgrummelgrummel…
Vollgepumpt mit Adrenalin und fluchend schaute ich nun mal wieder auf’s Regenradar. Es hatte sich eine recht stattliche Squall im Norden St. Lucias aufgebaut, die nach meiner Schätzung in etwa gleichzeitig mit uns in der Rodney Bay ankommen würde. Verdammt, wir wollten doch nicht nachts bei sintflutartigem Regen in eine Bucht einlaufen! Also volle Fahrt voraus!
Erst kurz vor der Bucht machten wir wieder langsamer, um in fast stockfinsterer Nacht nach Fischerbojen Ausschau zu halten, die man lieber nicht in die Schraube bekommen sollte. Von hinten tasteten wir uns immer weiter an die anderen Boote heran und warfen schließlich unseren Anker ein paar Meter hinter einem hell erleuchteten Katamaran. Kaum hatte ich die Motoren nach dem erfolgreichem Manöver ausgeschaltet, ging der heftige Schauer nieder. Glück gehabt!
Nun fielen wir erstmal ins Bett und konnten gute sechs Stunden schlafen, bevor es am nächsten Morgen weiter nach Martinique ging. Wir entschieden uns wiederum, das Großsegel ins 2. Reff zu setzen und motorsegelten aus der Bucht heraus. Zwei Segler überholten uns kurz darauf mit Vollzeug und hoher Geschwindigkeit, was uns angesichts des instabilen Wetters mit vielen Squalls doch sehr wunderte. Aber nach den schlechten Erfahrungen in der Vergangenheit beschlossen wir, unser Ding durchzuziehen und nichts darauf zu geben, was andere machen. Nach einer wiederum sehr bockigen Fahrt erwischte uns in der Nähe unseres Ziels Martinique tatsächlich noch eine große Squall. Kurz bevor die Böenwalze mit mehr als 30kn über uns hinwegzog, hatte ich die Genua noch ein wenig mehr eingerollt, so dass wir mit angenehmen 5 bis 7 Knoten durch den Regen segelten. Etwas weniger Voraussicht hatten die „Vollzeugsegler“ gezeigt, die offensichtlich ohne zu reffen durch die schwarze Regenwand fahren wollten. Sie mussten beide in der Squall umdrehen, um vor dem starken Wind abzulaufen und so ihr Rigg zu retten. Nach dem Motto „die letzten werden die ersten sein“, sahen wir die beiden meilenweit hinter uns, als sich der Regen genauso plötzlich wieder auflöste wie er gekommen war. Naja, dafür hatten die beiden sicher mehr Action an Bord als wir. Jeder wie er will…

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Nun liegen wir in der sehr ruhigen Bucht vor St. Anne, einem etwas verschlafenen Städtchen im Süden von Martinique. Bevor unsere Gäste aus Europa eintreffen, sind zwar noch einige Putz-, Umräum-, Aufräum-, Wartungs- und Reparaturarbeiten durchzuführen, aber im Großen und Ganzen sind wir bereit, unsere ersten Besucher hier in der Karibik zu empfangen!

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