Könnt ihr euch vorstellen, dass es auf den Tag genau 13 Jahre her ist, dass wir in Tunesien unsere Silence vom Voreigner übernommen haben? Wir können es jedenfalls fast nicht glauben, dass wir inzwischen schon so lange auf unserer Silence wohnen!
Zuerst war ich versucht zu recherchieren, wie viele Länder wir in dieser Zeit besucht und wieviele Meilen wir zurück gelegt haben. Doch da ist in den letzten Jahren nicht wirklich viel dazu gekommen. Denn in Wirklichkeit hat sich unsere Abenteuerreise so langsam aber sicher einfach in ein beständiges Leben an Bord entwickelt.
War die Reise ursprünglich auf drei bis fünf Jahre angelegt, nach denen wir irgendwo wieder sesshaft werden und ins Berufsleben zurückkehren wollten, hat sich dies mit der Zeit alles ganz anders entwickelt als geplant.
Geschuldet war dies hauptsächlich der Erkenntnis, dass wir beide nicht wahnsinnig gerne segeln. Für mich ist das Segeln oft mit leichter Seekrankheit und daher mit viel Langeweile verbunden. In Erzählungen mit anderen Seglern hören wir immer wieder, wie entspannend es während der Navigation ist, einfach nur da zu sitzen und auf die Weite des Meeres zu schauen. Für die meisten ist dies eine Art Meditation. Für mich ist es Langeweile pur. Ja, es ist schön, einfach mal eine Stunde den Wellen, Wogen und Wolken zuzuschauen, aber danach kribbelt es mir in den Fingern. Ich würde gerne basteln, lesen oder irgendetwas Produktives tun, aber stattdessen bin ich dazu verdammt da zu sitzen und dumpf in die Gegend zu starren. Für andere Meditation, für mich Frust!
Und auch Kai kann dem Segeln nicht allzu viel abgewinnen. Ihn plagt zwar keine Seekrankheit und er könnte lesen oder andere Dinge tun. Für ihn als Kontrollfreak ist es aber immer wieder sehr schwierig, sich auf die ganzen Wetterkapriolen einzulassen. Der Wetterbericht sagt für den geplanten Segeltag das eine, die Realität ist dann oft eine ganz andere. Welche Besegelung sollen wir setzen? Ins wievielte Reff soll das Großsegel? Da vorne kommt ein Regenschauer, wieviel Wind steckt da drin? Sollten wir präventiv reffen? Nach dem Schauer ist der Wind komplett weg, die Segel schlagen so stark, dass wir denken, uns haut es alles kaputt. Großsegel runternehmen oder warten in der Hoffnung, dass der Wind gleich wieder einsetzt? Ständig sind Entscheidungen gefordert und ständig geht beim Segeln etwas kaputt, was danach repariert werden muss. Also für Kai auch nicht wirklich eine entspannende Zeit.
Und so haben wir im Laufe der Jahre immer mehr auf andere Wassersportarten gewechselt: vor allem aufs Kitesurfen und Wingfoilen. Auch da ist der Wind teilweise unvorhersehbar, mal hat es viel mehr Wind als erwartet, mal viel weniger. Aber da wir mit unserem Equipment keine Strecke zurücklegen oder nicht unbedingt im Hellen irgendwo ankommen müssen, macht das nicht wirklich viel aus. Hier ist nur der Unterschied zwischen einem tollen und einem nicht so tollen Kitetag. Beim Segeln ist der Unterschied eher, ob wir halbwegs entspannt oder komplett fix und fertig an unserem Ziel ankommen. Bringen wir unser Schiff heil ans Ziel oder haut es uns bei einer unvorhergesehen Böe das ganze Rigg um? Meditativ ist für uns jedenfalls anders!
Und deshalb haben wir von Jahr zu Jahr entschieden, nicht weiter in Richtung Südsee zu ziehen, sondern noch etwas hier in der Karibik zu bleiben. Mittlerweile fragen wir uns nur noch ganz selten, ob wir vielleicht doch noch Richtung Panama segeln sollten. Das Kapitel ist für uns größtenteils abgeschlossen.
Natürlich gab es zwischendurch auch immer wieder Zeiten, in denen wir alles hinschmeißen wollten. Unsere Silence verkaufen, wieder nach Deutschland gehen und dort ein geregeltes Leben führen. Aber würde uns das überhaupt noch gelingen? Das ist die große Frage.
Es gibt hier viele Dinge, die wir auch nach 13 Jahren immer noch sehr vermissen. Seien es solch tolle technische Errungenschaften wie eine Waschmaschine, Geschirrspüler, Gefrierschrank und ein Auto. Oder solch lapidare Dinge wie ein Bett, das nicht wackelt und Schranktüren, die nicht schlagen, wenn man sie mal 30 Sekunden offen stehen lässt. Und von den kulturellen Dingen mag ich gar nicht sprechen. Wie schön wäre es, mal wieder auf ein Konzert zu gehen, Karten für eine Comedy Night zu haben, Museen zu besichtigen. Einfach nur Kultur tanken. Das fehlt uns hier unglaublich!
Aber im Gegenzug für die Entbehrungen bekommen wir auch Einiges: tolles Wetter, immer neue Begegnungen und Bekanntschaften und grenzenlose Freiheit! Freiheit aufzustehen, wann wir aufstehen wollen und nicht wenn der Wecker klingelt. Die Freiheit mit unserem Haus woanders hin zu ziehen, wenn es uns an diesem Ort nicht mehr gefällt. Die Freiheit unseren Tag größtenteils so zu gestalten wie wir wollen. Das heißt nicht, dass wir überhaupt nichts arbeiten, aber wir können meistens frei wählen, wann wir arbeiten. Jetzt fragt ihr euch sicherlich: „Na, was arbeiten die beiden denn?“.
Kai ist hier an Bord Kapitän, Steuermann, Matrose, Motormechaniker, Rigger, Segelmacher, Installateur, Elektriker,… Ich könnte noch ewig so weitermachen.
Wir hatten in den letzten 10 Jahren ein einziges Mal einen Experten an Bord: als in 2024 unser Kühlschrank nicht mehr funktionierte, mussten wir jemanden kommen lassen, der ihn reparierte und das Kühlmittel wieder auffüllte. Und zur gleichen Zeit ging unser Außenborder fest und wir mussten auch diesen zu einem Experten bringen, um ihn reparieren zu lassen. Ansonsten macht Kai alle anstehenden Arbeiten und Reparaturen selbst: sei es an unseren zwei Dieselmotoren die Diesel-, Ölfilter und Impeller zu tauschen, den Wärmetauscher zu reinigen, den Anlasser zu reparieren oder bei unserem Außenborder die Zündkerzen zu wechseln, den Vergaser zu zerlegen um die Leerlaufdüse zu reinigen etc.. Wir haben uns selbst ein neues Lazy Bag (6m lang!) genäht, Kai hat vor ein paar Jahren zwei unserer Wanten getauscht, wir haben mehrere Male unsere Segel repariert, Kai hat unseren Wassermacher selbst gebaut und wartet und repariert ihn regelmäßig. Die Liste der Arbeiten an Bord würde inzwischen wohl ein ganzes Buch füllen.
Und hierdurch verdienen wir uns quasi unser Geld zum Leben. Denn jeder Euro, den wir nicht an einen Handwerker bezahlen, ist ein Euro, den wir für Lebensmittel u.ä. ausgeben können.
Ich habe hier an Bord leider die teilweise nicht so spektakulären Aufgaben wie Koch, Verproviantierer, Putzfrau, Geschirrspüler, Wäscherin, ab und an Steuermann (oder muss ich da heutzutage dann Steuerfrau sagen 😉?), Handlanger, Matrose, Kommunikationsmanager, CFO, …
Wir wurden in den letzten 13 Jahren sehr oft gefragt, ob es denn nach so langer Zeit hier an Bord nicht langweilig wird. Also wenn es hier eine Sache noch nie gab, dann ist das Langeweile (außer beim Segeln natürlich 😂)!
Und wo wir gerade bei der Sache sind, möchte ich gerne noch eine Frage beantworten, die uns immer wieder gestellt wurde: wie könnt ihr es euch leisten, so lange ohne festen Job auf einer Yacht in der Karibik zu leben?
Diese Frage ist nicht mit einem einzigen Satz zu beantworten, sondern setzt sich aus vielen Komponenten zusammen. Zum einen sind da natürlich die Mieteinnahmen unseres Hauses. Ohne dieses feste Einkommen wären unsere Ersparnisse schon längst aufgebraucht. Allerdings bleibt von den Mieteinnahmen nach Abzug der Kreditrate und unserer beider Krankenversicherungen gerade mal so eben ein vierstelliger Betrag übrig. Wie können wir nun mit den paar Euro im Monat überleben (eingeschlossen Reparaturen an unserem Haus und Boot)?
1) Indem wir keine Nebenkosten zahlen. Wir machen unser Wasser selbst und erzeugen durch Umkehrosmose aus Salzwasser Frischwasser. Wir haben 350 Watt Solarpanele, mit denen wir unseren gesamten Strombedarf decken. Wir zahlen nur sehr geringe Abfallgebühren, haben aber auch nicht viel Abfall, weil wir uns größtenteils von frischen Sachen ernähren und z.B. Kombucha und Kefir selbst machen. Und Abwassergebühren gibt es auch nicht. Und Gas o.ä. zum Heizen benötigen wir natürlich nicht, denn hier ist es ja immer warm.
2) Wir benötigen fast kein Diesel oder Benzin, weil wir uns hauptsächlich mit Windkraft fortbewegen. Wenn wir den Standort wechseln wollen und es hat keinen Wind, dann bleiben wir eben so lange, bis es wieder Wind hat. Somit kann man natürlich nicht jederzeit überall hin fahren, aber wir haben ja Zeit. In 2025 benötigten wir ca. €450 an Spritkosten für unsere zwei Dieselmotoren, den Außenborder und unseren Generator zusammen.
3) Ersatzteile für unser Boot kosten uns durchschnittlich ca. €5.500 im Jahr. Würde Kai nicht alles selbst reparieren und müssten wir Experten bezahlen, wäre dieser Betrag locker das drei- oder vierfache.
4) Wir gehen so gut wie nie in Bars oder Restaurants. Wir laden eher Freunde auf einen Sundowner zu uns aufs Boot ein, als dass wir uns in einer Bar zu Bier oder Cocktails treffen. Gegessen wird so gut wie immer zu Hause und nur zu besonderen Anlässen geht es mal in ein Restaurant oder selten gönnen wir uns mal einen Burger mit Pommes in einer lokalen Bar.
5) Wir sind fast die ganze Zeit vor Anker. Wir beide können uns gerade überhaupt nicht erinnern, wann wir das letzte Mal in einer Marina waren. Eventuell 2015 in Curacao, als wir dort auf die Werft gingen.
6) Wir jetten nicht ständig durch die Weltgeschichte wie viele andere Segler, die nur zeitweise auf dem Boot leben. In den 13 Jahren sind wir beide nur 5 Mal nach Deutschland geflogen.
7) Wenn wir neue Handys, Tablets, Laptops o.ä. brauchen, kaufen wir nie neue Geräte, sondern immer gebrauchte refurbished Geräte.
8) Außer unserem Kite- und Wingfoil-Equipment, kaufen wir uns keine Dinge, die wir nicht unbedingt zum Leben oder fürs Boot benötigen. Für Kleidung haben wir z.B. im Schnitt €250 für uns beide zusammen pro Jahr ausgegeben.
9) Wie teilweise schon oben gesagt, haben wir keine Waschmaschine, Trockner, Geschirrspüler, Gefrierschrank, Mikrowelle, Heißluftfriteuse, Brotbackautomat, Toaster, Kaffeemaschine, BBQ, Fernseher, Auto, Fahrrad, eBike, Smart Watch,…
10) Und ab und an haben wir das Glück, dass wir für ein paar Tage oder mal für eine Woche bezahlende Gäste an Bord haben. Hierdurch haben wir im Schnitt €2.500 im Jahr verdient.
Auch diese Liste könnte ich noch eine ganze Weile weiterführen, aber wenn ich versuchen müsste, es auf den Punkt zu bringen, würde ich sagen: „Wir sind zu Frugalisten geworden!“
Für uns ist es ein unglaublich tolles Gefühl dem Hamsterrad und damit verbundenen Dauerkonsum (weitestgehend 😉) entkommen zu sein. Klar, manchmal ist das ein sehr einfaches und hartes Leben, manchmal sind wir der Natur sogar komplett ausgeliefert, aber dafür gibt sie uns Strom, Wasser, Vitamin D und teilweise sogar Fische zu essen. Wir dürfen uns vor Anker über das türkisfarbene Wasser um uns herum erfreuen, beim Frühstück dürfen wir Schildkröten beim Auftauchen beobachten, tagsüber beim Kiten jede Menge Spaß haben und nachts umstrahlt uns ein unglaublicher Sternenhimmel!
Haben wir unseren Entschluss alles hinter uns zu lassen und mit unserer Silence loszuziehen je bereut? Bestimmt mehr als 1000 Mal! Aber wie sehr würden wir es bereuen, wenn wir dieses Wagnis nicht eingegangen wären? Um es mit Marc Aurels Worten zu sagen: „Man bereut nie, was man getan, aber immer, was man nicht getan hat.“

















13 Jahre! Das ist ja wirklich der Hammer!
…und all die Zeit lese ich auch euren Blog mit 🙂
Hoffe wir sehen und mal wieder und wir senden euch herzliche Grüße aus (dem zur Zeit recht heißen) Mannheim!
… und vielleicht kommen nochmal 13 Jahre dazu danke für diesen herrlichen und ehrlichen Bericht. Auf den ersten Blick sieht Euer Leben traumhaft und leicht aus, aber wenn ich ehrlich bin: für mich wäre es wohl nichts. Dafür liebe ich mein Auto, die Waschmaschine und den Geschirrspüler zu sehr. Aber es muss für Euch passen und das kommt für mich in deinem Bericht sehr gut rüber. Und ich erfreue mich an Deinen Berichten und nehme sehr gerne Anteil an Eurem besonderen Leben!
Hallo Tanja,
vielen Dank für Deinen netten Kommentar! Nee, nochmal 13 Jahre, das glaube ich eher nicht Irgendwann möchte ich auch mal wieder eine Waschmaschine, Geschirrspüler, einen normalen Backofen usw. haben. Diese Lebensweise funktioniert recht gut wenn man jung und fit ist. Aber alt und gebrechlich wollen wir hier auf dem Boot nicht werden.
LG Andrea