Als wir kürzlich in Dominica im Cabrit-Nationalpark waren, hatten wir dort mit einem der Park Ranger erzählt. Dieser hatte uns berichtet, dass sie gerade an der Wiedereröffnung von Teilstücken des Waitukubuli Trails arbeiten.
Dieser Wanderweg führte früher in 14 Segmenten vom Süden bis ganz in den Norden der Insel. Ganz ursprünglich benutzten die Kalinago (die indianischen Ureinwohner Dominicas) diesen Weg, der teilweise mitten durch den Regenwald, durch Flüsse, über Berge und teilweise an der Küste entlang führt. Insgesamt ist er 185km lang und damit der längste Wanderweg der östlichen Karibik. Leider hatte Hurrikan Maria im Jahr 2017 Dominica ziemlich verwüstet und seitdem waren nur noch sehr wenige Segmente des Trails zu erwandern.
2023 waren wir auf dem Segment 13 von Penville nach Capuchin gewandert und ein paar Tage später wollten wir uns an einem Teilstück des 11. Segments probieren. Damals kamen wir auf diesem Teilstück leider nicht sehr weit, weil wir bereits auf dem ersten Berg durch razor grass gestoppt wurden. Dieses kratzte uns so sehr die Beine blutig, dass wir umkehren mussten.
Nun sollte dieser Trail wieder zugänglich sein und der Park Ranger sagte uns, dass auch die Hängebrücke, die damals sehr zerfallen war, gerade erneuert worden war. Das waren ja super Nachrichten! Endlich können wir die vor 3 Jahren geplante Wanderung machen.
So zogen wir morgens erneut unser Dingi an Land und machten uns zu Fuß auf den Weg zur Busstation am anderen Ende von Portsmouth. Mit dem Bus ging es dann bis ins Nachbarort Picard, von wo wir ungefähr in der Hälfte des Segments 11 einsteigen konnten. Das ganze Segment wäre ca. 13,2km lang, unser Teilsegment sollte ca. 7km lang sein. Klingt nach einem kleinen Spaziergang, aber ich kann euch sagen, es ist alles andere als ein Spaziergang.
Zuerst liefen wir auf einer etwas breiteren geschotterten Straße vorbei an einer riesigen Bananenplantage bis zur Hängebrücke. Diese war tatsächlich komplett erneuert und wir freuten uns riesig. Doch zu früh gefreut, denn leider fehlte auf unserer Seite noch eine Rampe, so dass wir nicht auf die Brücke hoch kamen und auch dieses Mal wieder durch den Fluss mussten.
Also Schuhe und Socken aus, hinüber waten und drüben wieder Schuhe anziehen. Und von hier aus kam man dann auch auf die Brücke, so dass wir immerhin noch ein paar schöne Fotos machen konnten.
Das Wasser des Flusses hatte uns herrlich erfrischt und so konnten wir mit völlig entspannten Füßen den Aufstieg beginnen. Und dieser Aufstieg hat es in sich. Teilweise ist es eher ein Klettern als ein Wandern, denn in manchen Stücken geht es fast senkrecht den Berg hinauf. In weniger als 2km Strecke machten wir 300 Höhenmeter und ich schnaufte bereits nach einer halben Stunde wie eine Dampfwalze. Boah war das anstrengend.
Glücklicherweise steht auf der Wegstrecke eine kleine Picknick-Bank mit einer herrlichen Aussicht, an der wir eine kurze Pause machen konnten, bevor es weiter steil den Berg hinauf ging.
Ich war ziemlich froh, als es dann endlich etwas flacher wurde und wir den ersten Bergkamm, den Mourne Balvine, erreichten. Doch oh je: hier gab es wieder razor grass! Sollte der Weg doch nicht begehbar sein? Sollten wir schon wieder umkehren müssen? Wir standen beide mit völlig enttäuschten Gesichtern da. Komm, wir probieren noch ein Stück. Vor drei Jahren wurde es erst so richtig schlimm, als wir aus dem Dschungel raus und auf eine offenen Ebene kamen, wo überall die von Hurrikan Maria entwurzelten Bäume lagen. Vielleicht ist es dieses Mal ja nicht so schlimm. So gingen wir weiter und weiter und weiter, aber wir kamen gar nicht aus dem Dschungel raus. Waren wir damals so weit gegangen? Nein, nie und nimmer. Und dann dämmerte es uns langsam, als wir ständig über umgefallene Bäume steigen mussten. Da, wo vor 3 Jahren nur entlaubte und umgestürzte Bäume waren, war mittlerweile alles wieder zugewachsen und wir kamen nie auf eine freie Fläche. Nachteil: keine Aussicht, Vorteil: deutlich weniger razor grass als damals, so dass wir beide mit leichten Schnitten davon kamen.
Und dann ging es auch schon wieder in den dichteren Regenwald. Ebenfalls sehr steil führte der Weg hinunter zu einem kleinen Fluss, wo wir unsere erste längere Pause einlegten.
Und danach ging es frisch gestärkt auf der anderen Seite des Flusses wieder auf den nächsten Berg hinauf und kurz darauf schon wieder hinunter zu einem weiteren kleinen Fluss.
Und wer hätte es gedacht, von da ging es wieder bergan. Als wir auf dem dritten Berg ankamen zitterten mir die Knie und mir wurde schwindlig. Ich musste dringend nochmal etwas essen und trinken. Auch hier gab es glücklicherweise eine kleine Picknick-Hütte, wo wir Pause machen konnten. Kai war so verschwitzt, dass er sein T-Shirt auswringen konnte und ich war völlig außer Atem.
Doch nach einer etwas längeren Pause ging es wieder und wir konnten uns an den letzten Abstieg machen. Hier wurde es manchmal so steil, dass zwischen den Bäumen Seile gespannt waren, an denen man sich hinunter hangeln musste. Das war genial, denn so war der Abstieg wesentlich weniger anstrengend, als wenn man sich ständig an Bäumen und Wurzeln festkrallen musste, um nicht den Berg hinunter zu rutschen.
Dann wurde der Weg etwas ebener und führte uns am Ende hinaus auf eine freie Fläche, von der aus wir eine herrliche Aussicht auf die umliegenden Berge hatten. Wir hatten den anstrengendsten Teil geschafft und mussten nun nur noch auf einer Schotterstraße ein Stück am Indian River entlang gehen bis zur Nationalstraße, wo wir hoffentlich einen Bus zurück nach Portsmouth nehmen konnten.
Kurz vor der Nationalstraße hatten wir die Gelegenheit eine letzte Pause einzulegen und unsere Füße im Fluss zu baden. Ich kann euch gar nicht sagen wie gut das tat. Danach lief es sich wieder deutlich leichter.
Auf der Nationalstraße liefen wir dann los in Richtung Portsmouth und bei jedem vorbeifahrenden Auto streckte ich den Daumen raus, in der Hoffnung, dass uns jemand mitnimmt. Problem war nur: die meisten Autos kamen uns entgegen und die wenigen, die in unsere Richtung fuhren, hielten nicht an. Aber auf der geteerten Straße lief es sich so leicht und flockig, dass ich das Gefühl hatte, ich könnte noch ewig so weiter laufen. Falls uns also keiner mitnimmt, laufen wir dann eben noch die 3km bis nach Portsmouth.
Doch einen Kilometer vor der Stadt hatten wir Glück. Jemand hatte einen Platz auf dem Beifahrersitz frei, auf den wir uns beide quetschten und 3 Minuten später waren wir zurück in Portsmouth.
Jetzt hatten wir mächtig Hunger und Durst. Wie wär’s mit Pizza? Wir strahlten beide wie die Honigkuchenpferde, als die schöne große Pepperoni-Pizza vor uns stand.
Insgesamt waren wir (mit dem Weg vom Dingi zum Bus und zurück) nur etwas mehr als 8km gewandert, hatten dafür aber mit Pausen 6 1/2 Stunden benötigt. Es ging insgesamt 518m hoch und 513m runter. Für mich eine sehr anstrengende Wanderung. Aber wir sind auf dem Wanderweg keiner Menschenseele begegnet und hörten nur ab und an den ein oder anderen Vogel und ein paar Papageien. Ich denke, es gibt nicht viele Wanderwege in der Karibik, die noch dermaßen naturbelassen sind und auf solch einem schmalen Pfad durch solch dichten Regenwald führen. Das war jede Strapaze wert!





































