Bürokratie at its best

Einklarieren in Tobago ist immer wieder eine Freude! So viele Formulare wie hier mussten wir bisher noch in keinem anderen Land ausfüllen. Und dieses Mal waren es sogar noch mehr als im vergangenen Jahr.

Wir glauben, dass dies daran liegt, dass wir hier in kein richtige Kategorie passen. Zum einen kommen in Tobago Frachtschiffe an, zum anderen gibt es Flieger mit Touristen. Wir sind keines von beiden. Was nun? Ach, wir lassen diese komischen Segler einfach die Formulare für Frachtschiffe und für Flugtouristen ausfüllen, dann passt es schon irgendwie. 

Und so durften wir uns dieses Mal bei der Einwanderungsbehörde mit 8 Formularen rumschlagen. Die Fragen waren für uns teilweise zum totlachen und so mussten wir uns manchmal mächtig auf die Zunge beißen, um unsere Belustigung nicht zu zeigen. Nur immer ernst bleiben, denn die Beamten verstehen hier meist nicht viel Spaß. 

In einem Formular ging es um Gesundheitsrisiken. Die Fragen, ob wir kürzlich eine ansteckende Krankheit hatten oder momentan einer von uns krank war, konnten wir durchaus verstehen. Doch als gefragt wurde, ob unter den Ratten auf unserem Schiff eine ansteckende Krankheit ausgebrochen sei oder ob wir ein übermäßig hohes Rattensterben festgestellt hätten, mussten wir fast losprusten. 

Auch die Fragen nach den „stowaways“ waren köstlich. Hierbei handelt es sich um blinde Passagiere, die wir bitte namentlich auf einer Liste aufführen sollten. Ja, ist klar, da haben sich in Martinique ein paar Franzosen an Bord geschlichen, sich in unserer Bilge versteckt und wir haben diese erst nach unserer Abfahrt entdeckt. Logisch!

Dann sollten wir noch auf einem Formular angeben, mit welchem Flug wir angekommen waren und wann wir (Datum und Uhrzeit) mit welchem Flug wieder ausreisen. Hm, passt bei uns nicht so wirklich. Wir sollten da dann einfach irgendein fiktives Datum inkl. Uhrzeit eintragen. Kein Problem, machen wir gerne!

Auf einem Formular wurden ein paar Eckdaten zu unserem Boot und den vorherigen Aufenthaltsorten abgefragt. Da stand doch ernsthaft die Frage, in welchen Ländern unser Boot seit der Registrierung überall gewesen sei. Wir fragten, ob sie uns ein zusätzliches Blatt geben wollen, damit wir die ganzen Länder aufführen können, oder ob wir uns einfach auf die letzten drei beschränken sollen. Die letzten drei taten’s dann auch.

Ganz oben auf dem Formular wurde nach dem Bootsnamen gefragt und hintendrin war ein Feld „Von:…..“ und dahinter ein Feld „Bis:….“ Das verstanden wir nicht. Sollten wir hier eintragen seit wann unser Boot „Silence“ heißt und bis wann wir beabsichtigen diesen Namen beizubehalten? Das macht ja keinen Sinn. Also fragten wir die beiden Beamten was wir hier eintragen sollen. Doch die beiden wussten es auch nicht. Sie fingen an zu diskutieren, die Beamtin ging aus dem Zimmer, um einen Kollegen im Nachbarzimmer zu fragen. Sie kam zurück und meinte wir sollten „Antigua“ und „Martinique“ eintragen. Das fand der andere Beamte etwas komisch. Sie diskutierten nochmal etwas und einigten sich dann darauf, dass wir „Antigua“ und „Tobago“ eintragen. Nicht, dass das irgendeinen Sinn machen würde, aber macht ja nix. Hauptsache die Felder bleiben nicht leer!

Wir mussten noch unsere Ausklarierungspapiere von Martinique und unsere Bootspapiere vorzeigen und nach ca. einer 3/4 Stunde war es vollbracht und wir bekamen unsere Stempel in die Reisepässe.

Nun mussten wir nur noch mit einem der vielen Formulare zum Zoll laufen. Dort durften wir ein weiters Formular ausfüllen, TT$50,- (ca. €6,50) für die monatliche Crusing Permit bezahlen und unsere Ausklarierungspapiere von Martinique vorzeigen. Doch Auwei, diese hatten wir nicht mehr, weil die Einwanderungsbehörde sie behalten hatte. Der Beamte schüttelte nur den Kopf (so auf die Art und Weise „Nee, nicht schon wieder!“) und war dann überglückllich, als wir noch unsere Einklarierungspapiere von Martinique fanden. Die tun’s auch, denn so muss er die Kollegen drüben nicht anrufen, dass sie die Papiere rüberschicken. Perfekt, Arbeit gespart!

Und wir waren offiziell einklariert und durften uns wieder aufmachen zurück zu unserer Silence.

Auf nach Tobago

Von Martinique ging es für uns, wie im vergangenen Jahr, direkt weiter nach Tobago.

Auf diesem Törn war ich im letzten Jahr furchtbar seekrank geworden und mir bangte richtig davor. So hielt ich mich dieses Jahr ganz streng an die „Histamin-Diät“ und klebte mir noch zusätzlich ein Scopoderm-Pflaster gegen Seekrankheit hinters Ohr. Es ist wirklich unglaublich, wie toll diese Pflaster wirken!

Ich konnte mich ohne Probleme im Salon aufhalten und sogar für kurze Zeit unter Deck gehen. Ich konnte lesen, basteln, kochen und wir konnten uns die Zeit mit einem Kartenspiel vertreiben. Wie ist das herrlich, wenn man nicht die ganze Zeit stumpfsinnig aufs Wasser starren muss!

Insgesamt dauerte unser Törn 34 Stunden. Wir starteten in der Morgendämmerung in Ste. Anne und segelten um die Mittagszeit an der Ostküste von St. Lucia entlang. Am späten Nachmittag waren wir auf Höhe von St. Vincent und dann ging auch schon die Sonne unter. 

Wir aßen zu Abend (unser übliches Segelessen: Spaghetti Bolognese) und schauten danach noch eine Folge „Cold Case“. Kai übernahm die erste Nachtschicht von 21:00 bis 1:00 und ich legte mich ins Bett. Doch da unten bollerte und schaukelte es so sehr, dass ich so gut wie gar nicht schlafen konnte. Ich war fast schon froh, als ich Kai ablösen durfte und im Salon powernappen konnte. Hier war es wesentlich ruhiger. Alle 15 Minuten machte ich einen Kontrollgang und bewunderte dabei den Sternenhimmel. Ich sah so viele Sterne, dass ich kein einziges Sternbild mehr erkannte. Wo man hinschaute waren kleine leuchtende Punkte am Himmel. Wahnsinn!

Doch auch Kai war es in unserem Bett zu laut und so legte er sich im anderen Rumpf in die vordere Gästekabine. Da aber unsere Silence ganz schön gegen die Strömung und Wellen kämpfte, stampften wir heftig durchs Wasser und Kai wurde immer wieder schwerelos. So ließ es sich nicht schlafen. Also zog er in die Gästekabine im Heck um, legte sich gegen die Geräuschkulisse ein Kissen aufs Gesicht und schon schlief er wie ein Baby!

Als es draußen langsam hell wurde, erwachte er von selbst und ich legte mich nochmal im Salon für eine Stunde aufs Ohr.

Wir kamen recht gut voran, sahen aber mittlerweile rund um uns herum nur noch Meer. Bisher waren uns einzig vor St. Lucia mittags ein paar Fischer begegnet, seither hatten wir keine Menschenseele mehr gesehen und auch das AIS zeigte keinerlei Schiffe in einem 32-Meilen-Radius an. Wir waren mutterseelenalleine da draußen und nur ab und an besuchten uns ein paar Tölpel oder Möwen. Wo man hinschaut Wasser und Wellen und weit und breit kein Land in Sicht.

Seit Mitternacht hatten wir etwas schlechteres Wetter und es zogen immer mal wieder Regenschauer vor oder hinter uns vorbei. Doch wir hatten Glück und keiner traf uns.

Die Gegenströmung wurde etwas besser und schließlich entdeckten wir in der Ferne Tobago! Es ist jedes mal wieder schön, wenn man plötzlich sein Ziel vor Augen hat. Auch wenn es dann noch Stunden dauert, bis man endlich da ist. 

Die Schauer wurden etwas häufiger, der Wind ging mächtig hoch und runter und mal fuhren wir mit 8 Knoten, mal mit 4! Irgendwann erwischte uns dann ein richtig großer Schauer, wir flogen trotz Gegenströmung mit mehr als 8 Knoten dahin, doch danach war der Wind weg. Wir dümpelten erst mit 4 Knoten, dann mit 3,5 und schließlich nur noch mit 2,5 Knoten dahin. Nee, so wird das nichts! Und so schmissen wir die Motoren an, weil wir gerne noch im Hellen in Tobago ankommen wollten. 

Durch die Motorengeräusche lockten wir ein paar Delphine an, die uns in Tobago willkommen hießen und kurze Zeit mit uns dahinzogen. Kurz darauf fingen wir einen kleinen Thunfisch.

Um 15 Uhr liefen wir gleichzeitig mit einem riesigen Schauer in der Store Bay in Tobago ein. Wir wollten zuerst abwarten, bis der Schauer vorbeigezogen war, doch dieser nahm kein Ende. So zog ich mir schnell meinen Bikini an und wir ankerten im strömenden Regen. Geschafft! In 34 Stunden hatten wir eine Strecke von 200 Seemeilen zurückgelegt, waren also ungefähr von Heidelberg nach München gefahren. Ja, ja, segeln entschleunigt ungemein! 

Die große Runde zurück nach Martinique

Seit meinem letzten Blogbeitrag ist ganz schön viel Zeit vergangen, aber irgendwie fand ich auf unserer Tour nach Norden einfach nicht die Zeit und Ruhe, um zu berichten, was wir gerade so alles erleben.

Somit werde ich das jetzt in mehreren Beiträgen nachholen. Zuerst ging es für uns Ende Oktober über Nacht von Tobago nach Grenada. Dort lagen einige Bekannte mit ihren Booten und auch auf der Insel selbst haben wir ein paar Freunde. Es war ein großes Hallo, weil wir alle ziemlich genau ein Jahr lang nicht gesehen hatten. Da gab es viele Neuigkeiten auszutauschen und wir trafen uns jeden Abend mit anderen Bekannten. Tagsüber bastelte ich Schmuck, weil die Boutique in Grenada fast alle meine Nespresso-Ohrringe verkauft hatte. Kai wurschtelte am Boot und so vergingen die Tage wie im Flug.

 

Nach 9 Tagen brachen wir dann auf nach Carriacou, wo wir einen alten Freund von uns treffen wollten. Pablo und seine Frau hatten wir im Spätjahr 2014 beim Kiten in Union Island kennengelernt und anschließend hatten wir noch 6 Wochen zusammen in Grenada verbracht, wo sie ihr Boot verkauften, um wieder arbeiten zu gehen. Pablo arbeitete für ein Team im Americas Cup und Elvira hatte einen Job beim Volvo Ocean Race. Und nachdem die Rennen vorüber und die Verträge beendet waren, haben die beiden wieder ein Boot gekauft und waren zurück in der Karibik. Das gab ebenfalls ein großes Wiedersehen und wir hatten uns jede Menge zu berichten.

Außerdem hatte eine Bekannte von uns gerade ein Haus in Carriacou renoviert, in dem sie in Zukunft Appartements vermieten wird und wir trafen uns mit ihr zum Abendessen und bekamen am nächsten Tag eine Führung durch ihr Haus und konnten den Renovierungsfortschritt begutachten. Und wie bereits in Grenada, war ich auch hier wieder eifrig am Basteln. Ein kleines Café an der Strandpromenade verkauft ebenfalls meinen Schmuck. Da das Café so nah am Wasser ist, und mein Schmuck somit durch die salzhaltige Luft total angelaufen war, ersetzte ich alles und war wieder einige Tage nur am Basteln.

Danach ging es weiter nach Union Island, wo wir uns ebenfalls mit alten Freunden trafen. In Union Island ist es für uns immer ein bisschen, als ob wir nach Hause kommen. Als wir zum Einklarieren in Clifton waren, liefen wir keine 50m, ohne dass wir einen Bekannten trafen und mit Freude begrüßt wurden. Für uns als Nomaden, die normalerweise nur ganz wenig Kontakt zu Einheimischen haben, ist das immer wunderschön. Überall sahen wir bekannte Gesichter und wir fühlten uns total heimisch.  

Eigentlich wollten wir in Union Island nur einen ganz kurzen Zwischenstopp von 3 Tagen einlegen, doch dann war so toller Wind, dass wir beschlossen, statt dessen einige Zeit hier zu bleiben und mit unseren Freunden zu kiten und Mexican Train zu spielen (wer das nicht kennt: es ist ein tolles Domino-Spiel, was unseres Erachtens wesentlich mehr Strategie erfordert und dadurch auch viel mehr Spaß macht, als das herkömmliche Domino). Und drei Mal dürft ihr raten, was ich dort sonst noch so gemacht habe. Jawoll, Schmuck gebastelt! Eine kleine Boutique in Clifton verkauft Ohrringe und Armbänder von mir. Sie hatte zwar nicht besonders viel verkauft, aber auch hier war durch die salzige Luft der ganze Schmuck angelaufen und ich musste alles austauschen. In jeder freien Minute war ich am Basteln und so langsam kam es mir nicht mehr wie ein Hobby vor, sondern eher wie Stress. Ist schon komisch, wie etwas, das einem normalerweise so viel Spaß macht, durch Zwang dann auf einmal gar keinen Spaß mehr macht.

Aber auch Kai war gut beschäftigt. Als wir eines Morgens vom Kitesurfen zurück kamen, quoll uns Rauch aus der Gästekabine entgegen. Unser Inverter hatte sich gerade verabschiedet. Ein Kondensator war explodiert und der Inverter war durchgeschmurgelt. Kai raste in die Kabine, entfernte die Kabel und die Halterungen und rannte mit ihm nach draußen, um ihn im Wasser zu löschen. Doch mittlerweile hörte er auf zu rauchen und wir konnten ihn zum Auskühlen draußen hinlegen. Meine Güte, hatten wir einen Schreck bekommen. Wären wir eine Stunde später ans Boot zurück gekommen, wäre unsere Silence eventuell in Flammen gestanden. Nicht auszudenken! 

Nach zwei Wochen verabschiedeten wir uns schweren Herzens und segelten am 24.11. weiter nach Bequia. Am darauffolgenden Tag standen wir morgens um 5:30 Uhr auf und segelten an St. Vincent vorbei nach St. Lucia, wo wir bei Sonnenuntergang unseren Anker in der Rodney Bay in den weichen Sand setzten.

Und gleich am nächsten Tag ging es für uns in einem kleinen Hopp weiter nach St. Anne in Martinique. Und wie es von dort aus weiterging, erzähle ich dann im nächsten Blogbeitrag…