Ausklarieren unter Optimisten

Vergangenen Montag gingen wir in Antigua in English Harbour zum Ausklarieren. Bereits auf dem Weg dorthin fielen uns einige große Container auf, die die Hälfte des Parkplatzes vereinnahmten. Hm, was hatte das wohl zu bedeuten? Leider fanden wir keine Hinweise auf den Containern, wir sahen lediglich ein paar Leute ziemlich geschäftig hin und her rennen. 

So gingen wir weiter zum Customs Gebäude, wo wir in aller Ruhe ausklarierten. Wir waren die einzige „Kundschaft“ und die ganzen Offiziellen sahen ziemlich gelangweilt aus. Da wir uns dieses Jahr recht spät Richtung Süden aufmachten, lag alles bereits recht verlassen da. Die Superyachten waren schon lange weg und in der Ankerbucht herrschte ziemliche Leere. Und hier in English Harbour war es nicht anders. Dachten wir!

Doch als wir beschlossen, noch geschwind beim dort ansässigen Elektronikhändler vorbeizuschauen, erlebten wir eine Überraschung. Wir bogen um die Ecke und standen urplötzlich in einem riesigen Gewimmel von kleinen Segelbooten (genannt Optimisten). Egal wo wir hinschauten, überall nur Boote und die dazugehörigen Skipper. Was war denn hier los? Wir sahen uns um und stellten fest, dass wir doch tatsächlich ganz zufällig in die Weltmeisterschaften der Optimisten hineingestolpert waren. Welch ein Zufall!

Alle möglichen Nationalitäten waren vertreten und voll Stolz sahen wir auch einige Boote mit der deutschen Flagge. Wir schauten zu, wie die kleinen Bötchen ins Wasser gezogen wurden und sich langsam aber sicher die ganze Bucht mit Booten füllte. Das mussten mehrere hundert sein. Wahnsinn!

Und segelten diese kleinen Bötchen tatsächlich hinaus aufs offene Meer? Da draußen hatte es meterhohe Wellen und es blies recht heftig mit rund 20 Knoten. Wir konnten fast unseren Augen nicht trauen. Das mussten wir uns anschauen!

So liefen wir hinaus auf die Landspitze und sahen, wie die Boote tatsächlich weit draußen heftig hin und her schaukelten. Leider hatten wir kein Fernglas dabei und konnten auf die Entfernung nicht wirklich viel erkennen. Und so winkten wir den ganzen jungen Seglern nochmal von der Ferne zu, bevor wir uns auf den Rückweg zu unserer Silence machten.   

Back to the roots

Am 16. Juni waren wir mittlerweile 6 Jahre auf unserer Silence. Wir können fast nicht glauben, wie schnell diese 6 Jahre vergangen sind! 

Doch dieses Mal möchte ich nicht näher darauf eingehen wie viele Meilen wir gesegelt und wieviele Länder wir bereist haben, denn das habt ihr ja quasi live miterlebt. Nein, dieses Mal möchte ich eine ganz andere Erfahrung mit euch teilen. Denn wir haben uns nicht nur in der Anzahl Seemeilen sehr weit von unserer Heimat entfernt, sondern das Leben auf dem Boot hat uns auch sehr stark verändert. Und damit haben wir uns auch weit von unserer vorherigen Lebensweise entfernt.

Wir fühlen uns irgendwie als ob wir „back to the roots“ also zurück zu unseren Wurzeln gereist sind. Wir lebten in einer Welt des technologischen Fortschritts, wo Stillstand Rückschritt ist. Ständig brauchten wir neue Werkzeuge und Maschinen, die uns unser tägliches Leben erleichtern sollten. Wir hatten zwei Autos, zwei Motorräder, drei Fahrräder, eine Waschmaschine, einen Trockner, eine Spülmaschine, eine Küchenmaschine, eine Fritteuse, einen Toaster, eine Nespresso-Maschine, Gefrierschrank, … Ich könnte diese Aufzählung wahrscheinlich seitenlang fortsetzen. Ich denke, dass so gut wie jeder von euch, all diese Dinge auch sein eigen nennt und sie sich nicht mehr aus seinem Leben wegdenken kann.

Und deshalb war das Leben auf dem Boot nicht nur zu Anfang ziemlich schwer für uns. Denn urplötzlich hatten wir all dies nicht mehr und wir mussten unseren Lebensstandard ganz schön runterschrauben.

Gewaschen wird heute, indem wir im Kessel Wasser kochen, dieses in einen Eimer schütten und mit einem Pömpel ordentlich durchwalken. Danach wird die Wäsche mit kaltem Wasser ausgewaschen und hinten auf unserem Boot zum Trocknen aufgehängt. Und wir freuen uns riesig, wenn wir mal wieder in einen Waschsalon gehen können, wo die Wäsche ganz von Zauberhand in einer Maschine gewaschen wird. 

Das Geschirr wird alles mit der Hand gespült, Toast wird in der Pfanne getoastet bzw. ganz oft backen wir unser eigenes leckeres Roggenmischbrot. Natürlich mit der Hand und ohne Brotbackmaschine!

Eine Nespresso-Maschine haben wir auch nicht, statt dessen gibt es Kaffee aus einer kleinen französischen Kaffeepresse oder meist trinken wir einfach nur Tee, der ganz schnell aufgebrüht ist.

Essen gehen, Pizza-Service u.a. ist hier in der Karibik im Vergleich zu Deutschland meist sehr teuer, und so kochen wir fast immer selbst. Außer wir sind mal zum Abendessen bei anderen Seglern eingeladen. Das ist immer ein Freudentag, denn dann müssen wir kein Gemüse schnipfeln, nicht kochen und auch nicht Geschirr spülen. Juhu! 

Ach ja, noch generell zum Thema Essen: zu Hause haben wir Unmengen an Fleisch und Wurst verzehrt. Auch dies hat sich stark geändert. Während wir immer noch gerne Wurst zum Frühstück essen und natürlich auch immer mal etwas Speck in das eine oder andere Gericht kommt, essen wir zur Hauptmahlzeit (bei uns das Abendessen) fast kein Fleisch mehr. Nicht, weil wir es nicht gerne mögen, sondern weil wir keinen Gefrierschrank haben.

Jetzt könnte man sagen, ja und, kann man doch immer frisch kaufen. Das ist bei uns aber leider nicht der Fall. Da wir gerne in so abgeschiedenen Plätzen wie z.B. Green Island/Antigua sind, wo es keinen Supermarkt gibt, gehen wir höchstens alle 6 Wochen einkaufen. Und dann kaufen wir meist etwas Fleisch, hauptsächlich aber Gemüse und Obst, damit wir unseren Vitaminbedarf für die nächsten sechs Wochen wieder decken können. Wenn wir in Martinique und Guadeloupe einkaufen gehen, dann kaufen wir Butter, Margarine, Wurst, Käse, Sahne, Milch, … für drei bis sechs Monate ein, so dass wir in Antigua und den anderen Inseln mit dem Bus lediglich das Notwendigste kaufen müssen. Jeder Einkauf will also gut geplant und durchorganisiert sein. Denn was vergessen wurde, ist halt dann für die nächsten sechs Wochen nicht verfügbar!

Wir haben von einem Freund vor ein paar Jahren einen Kefir-Pilz und einen Kombucha Scoby bekommen. So gibt es für jeden von uns nun anstatt gekauften Joghurt, jeden Tag ein kleines Glas Kefir, das wir am Vorabend frisch zubereiten und alle Woche brauen wir uns 1,5l frischen Kombucha, den wir acht Tage gären lassen.

Papaya-Kerne werden getrocknet und unter die Pfefferkörner gemischt, Kürbiskerne trocknen wir ebenfalls und knabbern diese, Zitronengras wird am Wegesrand gesammelt und zu Tee aufgebrüht, Lorbeerblätter von den Bäumen gepflückt, … Es macht sehr großen Spaß sich so vieles selbst zuzubereiten, ist natürlich aber auch sehr zeitintensiv.

Und dass wir kein Auto haben, macht das Leben auch nicht immer einfach. Glücklicherweise haben wir ein sehr schnelles Dingi, so dass wir auf dem Wasser auch mal etwas größere Entfernungen (ich spreche hier von ca. 4km) zurück legen können. Aber an Land sind wir auf die lokalen Busse angewiesen, mit denen man aber halt auch nicht überall hin kommt. Ein Arztbesuch oder Supermarkt-Trip wird dann ganz schnell mal zum Tagesausflug!

Auch das Segeln von einer Insel zur anderen ist eine langsame Reise! Mittlerweile sind wir etwas schneller unterwegs als früher und schaffen des öfteren Mal einen Schnitt zwischen 7 und 8 Knoten! Hört sich jetzt gar nicht so schlecht an, aber ich sage euch, mit dem Fahrrad wären wir mindestens genauso schnell. Nur Gehen ist langsamer! Und so braucht man für eine Entfernung von 100km dann locker mal fast 7 Stunden. Könnt ihr auch vorstellen von Hockenheim nach Frankfurt 7 Stunden zu brauchen? Da müsste man schon in ganz schön üble Staus geraten oder mit der Pferdekutsche unterwegs sein!

Das Leben auf dem Boot ist Entschleunigung pur! Manchmal ist das ganz schön nervig, manchmal aber auch wunderschön.

Es ist schon ein tolles Gefühl, wenn man alleine durch das „Aufhängen“ von etwas Segelstoff ein 9 Tonnen schweres Boot bewegen kann. Wir haben keinerlei Motorenlärm, sondern hören lediglich das Blasen des Windes und das Klatschen der Wellen, was natürlich zugegebenermaßen auch ganz schön laut sein kann.

Wir schöpfen in vielen Dingen mit vollen Händen aus der Natur. So erzeugen wir uns auch unseren eigenen Strom. Wir haben vier Solarpanele, die unseren kompletten Bedarf an Energie abdecken, so dass wir vor Anker nie den Motor oder einen Generator anschalten müssen.

Auch Wasser machen wir selbst. Mit unserem selbstgebauten Wassermacher wandeln wir durch Umkehrosmose Salzwasser in Frischwasser um. Unser Wassermacher erzeugt in einer Stunde ca. 60l und da wir täglich lediglich rund 25-30l verbrauchen, genügt es, wenn wir ihn jeden zweiten Tag eine Stunde laufen lassen. Und auch dieser zieht seinen Strom aus unseren Solarpanelen.

Wir haben kürzlich mal unseren CO2-Fußabdruck ausgerechnet und kamen auf knapp 500kg. Der Durchschnittsverbrauch eines Bundesbürgers liegt bei fast 9000kg. Ich glaube, wir können ganz schön stolz auf unsere Umweltfreundlichkeit sein. Und da haben wir noch nicht einmal mit eingerechnet, dass ich aus Abfall Recyclingschmuck und andere Dinge herstelle, was also wiederverwertet wird.

Wenn ich mir unseren heutigen Lebensstil vor Augen führe, dann hat er nicht mehr viel gemeinsam mit unserem vorherigen Leben. Zu sagen, dass wir „leben, um zu überleben“ wäre vielleicht etwas zu krass, aber es geht in diese Richtung. Während wir früher den größten Teil unserer Zeit mit arbeiten und der Fahrt von und zur Arbeit verbracht haben, sind wir heute damit beschäftigt Brot zu backen, Wasser zu machen, Lebensmittel herzustellen und mit dem Bus oder zu Fuß Besorgungen zu erledigen. 

Vor einigen Jahren habe ich die Highland-Saga von Diana Gabaldon gelesen und manchmal komme ich mir vor wie die Hauptdarstellerin Claire in dieser Buchserie. Sie macht einen Zeitsprung vom 20. ins 18. Jahrhundert und muss sich dann dort an ein Leben ohne all den Luxus gewöhnen. Es gibt keine Autos mehr, sondern nur noch Pferde und Pferdekutschen, keinen Herd, keinen Backofen, keine Waschmaschine, kein Telefon, … Alles ist schwere Handarbeit! Und so ähnlich geht es uns. Wir haben gefühlt einen Sprung vom 21. ins 19. Jahrhundert gemacht.

Wer mich jetzt auslacht und denkt, „ach komm, Andrea spinnt ja“, der kann mal einen kleinen Test machen. Lasst mal für einen Monat euer Auto stehen und fahrt nur noch mit dem Bus (nicht mit der Bahn, denn sowas haben wir hier nicht). Kauft mal alles was ihr so braucht für zwei Wochen im Voraus ein und geht dann zwei Wochen lang in kein Geschäft (wir machen das alle sechs Wochen) Es gibt keine Bestellungen im Internet! Wenn an eurem Haus, Auto, Roller, Fahrrad etwas kaputt geht, repariert ihr es selbst. Jeden dritten Tag backt euer eigenes Brot. Wascht eure Wäsche mit der Hand. Versucht mit 20l Wasser pro Tag auszukommen (wir brauchen nur ca. 15l Frischwasser, dafür aber noch ein paar Liter Salzwasser). Oder fangt mal ganz klein an und benutzt ein paar Tage kein Handy ;-). Ich denke, spätestens dann werdet ihr mir zustimmen, dass Kai und ich nicht mehr im 21. Jahrhundert leben und dass dieses Leben gar nicht so ohne ist.

Aber ich will mich auf keinen Fall beschweren und auch nicht rumjammern. Und ich will auch keinen zu unserem Lebensstil bekehren! Wir haben dieses Leben freiwillig gewählt und wir möchten es zumindest momentan nicht gegen unser altes Leben eintauschen. Wir haben zwar sicherlich nicht viel mehr Freizeit als früher, als wir arbeiten gingen, dafür fühlen wir uns lebendiger. Wir sind wieder näher dran am Leben und können kleine Freuden viel mehr genießen als früher. Aber ich muss auch offen zugeben, dass mir viele Annehmlichkeiten von früher fehlen. Jedes Mal wenn ich wunde Hände von der Wäsche habe, wünsche ich mir eine Waschmaschine und jeden Abend nach dem Essen würde ich so gerne einfach noch eine Weile am Esstisch sitzen bleiben, anstatt das Geschirr zu spülen. Wenn man einmal einen bestimmen Lebensstandard und Luxus hatte, ist es unglaublich schwer, diesen wieder aufzugeben. Selbst nach 6 Jahren fehlen mir viele Dinge noch und das wird sich wahrscheinlich auch nie ändern. Aber dafür können wir mit dem Wind übers Wasser segeln, unser Haus jederzeit versetzen, wenn es uns irgendwo nicht mehr gefällt und dürfen ein Gefühl der unendlichen Freiheit genießen. Und was gibt es schöneres als frei zu sein?

Barbuda – zerstörte Idylle

Unser geliebtes Barbuda ist nicht mehr das Paradies, das es für uns immer war. Und wer hat es zerstört bzw. ist gerade dabei, es noch weiter zu zerstören? Der Mensch!

Nachdem Hurrikan Irma Barbuda in 2017 dem Erdboden gleich gemacht hatte, war unsere große Hoffnung, dass zwar die Einwohner wieder zurück kommen, die Hotels und Resorts aber endlich ihre großspurigen Pläne aufgeben und Barbuda wieder der unberührte Flecken Erde wird, der er einmal war.

Doch wir hatten zu früh gehofft. Zwar bauen die bisherigen Besitzer der Cocoa Point Lodge das Resort nicht mehr auf, aber dafür soll an dessen Stelle ein wesentlich größerer und pompöserer Club der Discovery Group entstehen. Das Areal umfasst wahrscheinlich die 10-fache Größe wie zuvor und anstatt kleiner Häuser, die sich unter die Palmen ducken und ein paar Liegestühlen am Strand, soll es hier in Zukunft riesige Villen, Swimmingpools, einen Golfplatz, Tennis- und Basketballplätze, Fitnesscenter, Kite-Unterricht, Wasserrutschen für die Kinder u.v.m geben. Ein Riesenspaß für die ganze Familie! 

Es wurden bereits alle alten Häuser abgerissen und ein Dutzend riesige Zelte (absolut nicht das, was ihr euch unter einem Zelt vorstellt) aufgestellt, um Investoren anzulocken. Denn hier soll kein gewöhnliches Resort entstehen, sondern es werden „Investoren“ gesucht, die sich ihr eigenes ganz privates Ferienhaus bauen und dann die Einrichtungen und Annehmlichkeiten des Clubs nutzen können. Überall am Strand sind Holzpfähle aufgestellt, die uns Seglern signalisieren „bis hierher und nicht weiter“ und am liebsten wäre es den neuen Betreibern wohl, wenn wir Segler einfach ganz von hier verschwinden würden. Solchen Pöbel wie uns möchte man hier nicht haben, schließlich soll der neue Barbuda Ocean Club ein exklusiver Platz für die Reichen der Welt werden.

Ein paar Grundstücke wurden wohl schon an den Mann bzw. die Familie gebracht und so sind wir nun den ganzen Tag dem Baulärm von Eloise, John Paul und der DeJoria Familie ausgesetzt, die sich hier ihren ganz eigenen privaten Betonbunker hinsetzen werden. Wenn gerade keine Investoren im „Club“ sind, wird ständig Plastik und anderes stinkendes Zeug verbrannt, dessen Rauch dann über unser Boot zieht. Neue Investoren werden mit einem Wasserflugzeug von Antigua hierher geflogen, welches teilweise drei Mal am Tag direkt neben unserer Silence landet. Die private Kiteschule des Clubs spuckt des öfteren bis zu fünf Kitesurfer auf einmal aus, so dass wir abwarten müssen, bis diese in die Mittagspause gehen, damit auch wir mal für ein Stündchen etwas Platz zum Kiten haben. 

Und wo wir uns früher am Strand immer ganz vorsichtig einen Platz zum Aufbau unseres Kites suchen mussten, so dass wir keine Eier der süßen schwarz-weißen Seeschwalben zerstören, fährt jetzt die ganze Zeit ein Traktor mit einem Anhänger hin und her, der das angeschwemmte Seegras und damit auch die Eier der Seeschwalben einsammelt. Wir sind also nicht die einzigen, die man wohl in Zukunft von hier vertreiben wird.

Barbuda war für uns immer unser Urlaubsparadies. Hier genossen wir jedes Jahr die wundervolle Stille, die nur ab und an durch das Gackern der Möwen, das Zirpen der Seeschwalben und das IIAA, IIAA der wilden Esel unterbrochen wurde. Wir kiteten und schnorchelten im türkisfarbenen Wasser und genossen die Ungestörtheit und Idylle. Damit ist es nun vorbei! Lediglich Sonntags dürfen wir uns daran zurück erinnern wie es früher war. Dann gibt es keine Bauarbeiten und keinen Rauch und wir sitzen hier und denken wehmütig daran, wie schön es war, als wir noch jeden Tag das Paradies auf Erden hier hatten!