Spaziergang zum Palmetto Point

Schon einige Male waren wir am Palmetto-Point, dem südwestlichsten Zipfel Barbudas, vorbeigesegelt, aber noch nie dort an Land gewesen. Auf der Karte sah es nach einem kleinen Spaziergang am 11 Mile Beach entlang aus, in Wirklichkeit wurde daraus eher ein großer 3 stündiger Spaziergang.

Wir starteten etwa eine Meile südlich unseres Ankerplatzes und zogen dort unser Dingi an Land. Und dann ging es zu Fuß weiter immer entlang des wunderschönen Sandstrands. Überall standen abgestorbene Bäume im und am Wasser und bildeten eine skurrilen Gegensatz zum feinen Sandstrand und dem türkisblauen Meer.

Und auch heute gab es wieder einige Überraschungen: plötzlich fanden wir Spuren im Sand. Was war denn da für ein Tier entlang gegangen? Die Spuren führten vom Meer zu einem großen Loch im Sand und von dort auf der anderen Seite wieder zurück ins Meer. Nach genauerer Betrachtung kamen wir drauf: da musste vergangene Nacht eine Schildkröte zur Eiablage an Land gekommen sein. Ganz vorsichtig gingen wir um das Loch herum, um nur ja nicht aus Versehen ein Schildkrötenei zu zerstören. Wahnsinn!

Weiter ging’s am wunderschönen Strand entlang, vorbei an ein paar Möwen und einer Lambi, die hier entweder angeschwemmt oder an Land gekrochen war. Wir trafen keine Menschenseele und das, obwohl wir mittlerweile schon mehr als eine Stunde unterwegs waren. Hier gab es nur Strand, Sand, Büsche, Muscheln, Vögel, türkisfarbenes Wasser und uns. Einfach traumhaft!

Doch plötzlich sahen wir links in den Büschen ein paar bunte Fähnchen stehen und kurz darauf erschien immer mal wieder der Arm eines Baggers über der Sanddüne. Was war denn hier los? War das etwa das Bauprojekt am Palmetto-Point, von dem wir schon des öfteren gehört hatten? Aber wir waren doch noch recht weit vom Palmetto-Point entfernt. Das konnte eigentlich nicht sein.

Wir stiegen auf die Düne und erblickten ein großes Areal, in dem alle möglichen Baumaschinen zugange waren. Erst bei näherem Hinsehen erkannten wir, dass hier der berühmt berüchtigte Golfplatz entsteht. Wir waren baff! Mitten im Sand wurden Wasserlöcher und grüne Rasenstreifen angelegt und die Sprenkleranlage lief auf Hochtouren. Welch ein Irrsinn!

Aber wir sollten noch weiter schockiert werden. Als wir zum Palmetto-Point kamen, stand dort unter Palmen eine kleine Beachbar. Sah nett aus, aber das Schild das hinter der Bar prangte, war gar nicht schön! Auf einer großen Architektur-Visualisierung war dargestellt, wie der Palmetto-Point in Zukunft aussehen wird. Hier war nicht nur ein großer Golfplatz abgebildet, sondern auch Villen so weit das Auge reicht. Etwas mehr als die Hälfte des Strandes, den wir gerade in über einer Stunde abgelaufen waren, soll in Zukunft mit Villen zugepflastert werden.

Mir traten die Tränen in die Augen. Nicht nur, dass der ganze Strand am Cocoa Point zugebaut wird, nein, auch hier soll alles platt gemacht werden. Was ist denn nur los mit uns Menschen? Wenn irgendwo ein Flecken wunderschöne unberührte Natur ist, dann kann man das wohl einfach nicht so lassen. Nein, das ist ja viel zu schön. Da muss Profit draus geschlagen, alles platt gemacht werden, zubetoniert, weg mit der blöden Natur! Und der größte Hohn ist für uns noch der Name der Gesellschaft, die das hier alles anrichtet: „PLH“ ausgeschrieben „Peace, Love, Happyness“ Da fehlen mir die Worte! Wenn ich die Bauprojekte hier auf Barbuda anschaue, kommen bei mir eher Gefühle wie Wut, Enttäuschung und Traurigkeit hoch. Ganz sicher aber nicht Frieden, Liebe und Glück!

Unser Rückweg verlief weitestgehend schweigend. Wir waren zutiefst geschockt, sogen die wunderschönen Anblicke dieses traumhaften Strandes ganz tief in uns ein, denn das nächste Mal, wenn wir hierher kommen, wird es auch dieses Paradies nicht mehr geben!

8 Jahre

Heute ist es auf den Tag genau 8 Jahre her, dass wir auf unsere Silence gezogen sind. Hätte uns das im Juni 2013 jemand gesagt, dass wir in 8 Jahren noch auf dem Wasser leben würden und vor allem, dass wir dann immer noch hier in der Karibik wären, hätten wir ihn sicherlich für verrückt erklärt!

Aber gerade die letzten paar Jahre, insbesondere das Covid Jahr, vergingen wie im Flug. Auf den Fotos, auf denen wir unser Boot in Tunesien übernommen hatten sind zwei käsweiße „Jungspunde“ zu sehen. So weiß wie damals waren wir seit 8 Jahren nicht mehr und so jung natürlich auch nicht. Mittlerweile sind wir immer etwas braungebrannt, dafür aber faltig und bekommen langsam graue Haare. Aber immerhin haben uns das Kitesurfen und Segeln körperlich einigermaßen fit gehalten.

Manchmal finden wir unser Leben auf dem Boot einfach nur tierisch anstrengend, manchmal einfach nur atemberaubend schön! Wo zu Hause Alltag und Gleichförmigkeit herrschten, gibt es auf unserer Silence weiterhin hohe Höhen und tiefe Tiefen. Mal gibt es wunderbare Tage mit herrlichen Erlebnissen: Wale, Delfine und Tölpel begleiten uns beim Segeln, wir dürfen an einem pinkfarbenen Sandstrand spazieren gehen oder auf glattem türkisfarbenen Wasser kiten. Uns geht das Herz auf und wir freuen uns am Leben. 

An anderen Tagen bleibt uns fast das Herz stehen, wenn Kai z.B. in tiefster Nacht mitten auf dem Atlantik in 3m hohen Wellen ins Wasser muss, um eine Leine loszuschneiden, die sich im Ruder verklemmt hat. Oder mitten auf dem karibischen Meer unser Großsegel blockiert und weder hoch noch runter geht. Wir haben festgestellt: das Paradies auf Erden gibt es nicht! Überall wo es hoch hinauf geht, geht es in der anderen Richtung auch tief hinunter. Manchmal haben wir die Tiefen total satt, sehnen uns nach unserem „leichten“ Leben zu Hause in Deutschland. Doch dann haben wir wieder wunderbare Erlebnisse und schätzen uns so glücklich, dass wir hier auf unserer Silence sein dürfen.

Immer wieder werden wir nach unseren weiteren Plänen gefragt. Wie lange wir noch auf dem Boot leben wollen, ob und wann wir zurück nach Deutschland kommen? Eine Antwort darauf fällt uns schwer. Wir planen weiterhin nicht allzu viel zu planen, lassen das Leben und die Ereignisse auf uns zukommen. Kai fällt das sicherlich schwerer als mir, aber er hat mittlerweile auch gelernt, dass Pläne nur dafür gut sind sie ständig zu ändern.

Aber natürlich steht die Reise in die Südsee immer noch fest in unserem Programm. Bevor wir mit unserer Silence nicht in der Südsee waren, wollen wir das Leben auf dem Wasser nicht aufgeben. Wann das wahr wird? Keine Ahnung! An einem Tag sagen wir, dass wir hier mit der Karibik durch sind und endlich mal weiter ziehen müssen. Am nächsten Tag gefällt es uns hier wieder so gut, dass wir beschließen noch etwas zu bleiben. An einem Tag wollen wir recht bald wieder in ein Haus ziehen und ein Auto, eine Waschmaschine und alle möglichen weiteren Annehmlichkeiten haben. An nächsten Tag pfeifen wir darauf und erfreuen uns am ständig warmen Wetter, Sonnenschein und dem größten Swimming Pool der Welt. Von daher kann ich nur sagen, lasst euch überraschen, denn wir werden uns selbst auch weiterhin vom Leben überraschen lassen.

Und so hoffe ich, dass ihr unsere Reise weiterhin mit uns genießt, wo immer sie uns auch hinführen mag.

Darby’s Cave

Von Barbudas Höhlen hatten wir schon oft gehört, aber jeder der bisher dort gewesen war, hatte uns gesagt, dass sie den Aufwand nicht wert seien. Zu Fuß wäre es ein mehrstündiger Marsch und sich extra dafür ein Auto zu mieten, das wäre doch etwas übertrieben. 

Doch zu unserem Erstaunen erzählte uns nun ein italienischer Bekannter, dass er vor kurzem zu einem Sinkhole (großes Erdloch) in Barbuda gewandert sei und zeigte uns völlig begeistert ein paar Fotos davon. Auch unsere deutschen Bekannten Anja & Ralf waren bereits mit einem Führer dort gewesen und schwärmten ebenfalls von Darby’s Cave, dem Sinkhole.

Von diesem großen Erdloch hatten wir bisher noch nie gehört und da mich die Fotos total faszinierten, wollte ich dort auch gerne hin. Andrea & Gerhard und Liza & Akko, ein paar holländische Bekannte, waren auch sofort von der Idee begeistert ein Auto zu mieten und die Höhlen und das Sinkhole zu erkunden und so machten wir uns vergangenen Samstag zu fünft auf den Weg. Kai verzichtete freiwillig, weil leider nicht genügend Platz im Auto war und machte sich stattdessen einen gemütlichen Tag am Boot.

Morgens um 8:45 Uhr begann unser Abenteuer mit der Fahrt mit dem Dingi von unserem Ankerplatz in der Low Bay quer über die Lagune nach Codrington. Der Wind blies mit ca. 15-18 Knoten und es hatte ordentlich Wellen. Da die Lagune an den meisten Stellen weniger als einen Meter tief ist, bauten sich die kurzen Wellen ziemlich steil auf und spritzen dann in Fontänen über unser Dingi hinweg. Bis wir in Codrington ankamen, waren wir von Kopf bis Fuß völlig nass. Gut, dass ich wohlweislich meine Klamotten im Rucksack verstaut hatte und nur im Bikini im Dingi saß!

Am Steg nahmen wir unseren Mietwagen in Empfang und los ging’s. Eigentlich wollten wir zuerst zu Darby’s Cave, dem Sinkhole, doch nachdem wir an der Abzweigung eine riesige Gruppe Wanderer erblickten, fuhren wir kurzerhand zuerst einmal zu den Höhlen der Two Foot Bay an der Ostküste Barbudas. Vor einer kleinen Bar stiegen wir aus und gingen zu Fuß weiter.

 

Leider hatten wir nicht das beste Wetter, so dass alles etwas grau in grau aussah, aber die Landschaft war dennoch beeindruckend. Die Küste besteht hier hauptsächlich aus Kalkgestein, das schroff aus dem Meer aufragt. Überall vor den Stränden sieht man Riffe im Wasser und die Gischt spritzt teilweise meterhoch. Wir liefen ein Stück an der Küste entlang bis wir den ersten Höhleneingang hinter einem Kaktus entdeckten. Hier ging es über ein paar Felsen hinauf in die Gun Shop Cave. Die Höhle war auf der einen Seite komplett offen und bot einen schönen Blick über die Ostküste Barbudas. Aber in der Tat war die Höhle sehr klein und bis auf die bizarren Felsformationen doch eher unspektakulär. Durch ein Loch in der Höhle konnten wir immerhin auf das grüne Felsplateau hinauf klettern und von dort nochmals einen tollen Ausblick auf den Atlantik genießen.

Nach unserem Abstieg machten wir uns auf die Suche nach dem Eingang zur Indian Cave. Eigentlich wollten wir diese Höhle zuerst besuchen, waren aber wohl versehentlich am Eingang vorbei gelaufen. Und in der Tat war dieser nicht leicht zu finden. Hätte meine Freundin Andrea nicht eine Beschreibung und eine Karte aus dem Internet dabei gehabt, hätten wir den Eingang sicherlich wieder verpasst. Doch nun sahen wir, dass ein ganz kleiner Pfad in den Büschen direkt auf ein paar Felsen zuführte, zwischen denen man zum Eingang hinauf klettern musste. Der Eingang zur Höhle war recht schmal und wir mussten uns immer wieder bücken und aufpassen, dass wir uns nicht die Köpfe an dem spitzen Kalkgestein anstoßen. Drinnen gab es mehrere Hohlräume, in die wir teilweise hinunter klettern oder uns im gebückten Entenwatschelgang langsam vorarbeiten mussten. Das machte richtig Spaß. Es gab die unterschiedlichsten Farben und auch Überreste von ein paar Stalagtiten. Hier sollte es auch Höhlenmalereien geben, aber so sehr wir auch Ausschau hielten, entdeckten wir diese leider nicht. Dafür fanden wir aber noch etwas anderes: einen Geocache!

Wir krabbelten auf der anderen Seite aus der Höhle hinaus und standen wieder auf einem kleinen Felsplateau. Leider war dies jedoch eine Sackgasse und es gab keinen Weg hinunter, so dass wir wieder zurück durch die Höhle krabbeln mussten. Also das war auf jeden Fall viel toller als wir erwartet hatten. Natürlich kann man es nicht mit Tropfsteinhöhlen in Deutschland vergleichen, aber irgendwie würde man solche Höhlen auf dem sonst von Stränden gesäumten Barbuda nicht vermuten. Und daher bilden sie einen tollen Kontrast zur sonstigen Landschaft.

Der erste Tagesordnungspunkt war somit abgehakt und nun nahmen wir einen zweiten Anlauf zur Erkundung des Sinkhole. Von der Wandergruppe war weit und breit nichts mehr zu sehen und so fuhren wir mit dem Auto bis zum Highland House, dem ehemaligen Anwesen der Codringtons, die auch der Hauptstadt ihren Namen gaben. Gut, dass wir einen Vierrad-Antrieb hatten, denn sonst hätten wir das letzte Steile Stück der Schotterpiste nicht geschafft.

Auf dem „Parkplatz“ irrten wir etwas herum, bis wir den kleinen Pfad, der zum Sinkhole führt, hinter einer der Ruinen entdeckten. Alleine schon dieser Pfad war die Wucht. Saftige grüne Pflanzen, Agaven und Kakteen und am Boden orange Erde und graues Gestein. Welch schöne Kontraste. Aber was uns nach ca. 25 Minuten Fußweg am Ende des Pfades erwartete, fanden wir alle atemberaubend. Urplötzlich kamen wir aus dem Gebüsch heraus und standen auf einem Felsplateau genau an der Abbruchkante des Sinkhole. Wow! Direkt vor uns öffnete sich ein Krater mit 106m Durchmesser und vor unseren Füßen ging es ca. 20m in die Tiefe. Bei dem Krater handelt es sich um eine ehemalige Höhle (daher auch der Name Darby’s Cave), deren Decke eingebrochen ist.

Auf der einen Seite kann man über Felsen auf den Grund des Sinkhole hinabsteigen und das taten wir natürlich auch gleich. Unglaublich, welche andere Welt uns hier unten erwartete. Waren wir zuvor noch über die spitzen grauen Kalkfelsen mit niedrigem Bewuchs von Büschen und Kakteen gewandert, so standen wir nun inmitten eines Urwalds.

Mehr als 20m hohe Palmetto-Palmen ragten in die Höhe. Es gab alle möglichen Lianen und Farne; alles war saftig grün! Und überall zwitscherten die Vögel. Wir waren völlig hingerissen, standen einfach nur da und ließen die Atmosphäre auf uns wirken.

Das ist doch der ideale Platz für ein kleines Picknick! Wir setzten uns auf die Felsen, packten einen kleinen Snack aus und genossen den Blick auf die orangefarbenen zerklüfteten Felsen und das unglaubliche Grün des Urwalds. Wenn man tagelang nur wunderschöne Sandstrände und türkisfarbenes Wasser gesehen hat, kann man fast nicht glauben, dass man sich immer noch auf der gleichen Insel befindet.

Nach unserem Picknick machten wir uns wieder auf den Aufstieg und danach ging es auf dem gleichen Pfad zurück zu unserem Auto. Dort legten wir nochmal eine kleine Picknickpause ein. Ich Dödel hatte nur das Brot in den Rucksack gepackt, die Wurst aber in der Kühltasche im Auto vergessen, als wir zum Sinkhole los gelaufen waren. So gab es dann neben dem Auto nochmal eine kleine Brotzeit.

Bevor wir uns auf den Weg zurück nach Codrington machten, machten wir noch einen Abstecher zur Hillside View Bar, um gemeinsam auf diesen gelungenen Ausflug anzustoßen.

Danach ging es vorbei an wilden Eseln, Ziegen, Schafen und Pferden zurück nach Codrington zum Supermarkt. Wir stockten alle nochmal unsere Lebensmittelvorräte auf, denn hier auf Barbuda ist dies der einzige Ort, an dem man dies tun kann. Und dann ging es zurück zu unseren Dingis. Dort erwartete uns leider eine böse Überraschung. Es war versucht worden, die beiden Dingis zu stehlen. Glücklicherweise waren die Diebe nicht erfolgreich, aber bei unseren holländischen Freunden Liza & Akko war das ganze Dingi völlig verdreckt, am Startknopf steckte eine Drahtschlinge und die Starterleine war abgerissen. Bei Andrea & Gerhards Dingi steckte lediglich ein Schlüssel, mit dem das Dingi zwar angesprungen war. Glücklicherweise war es jedoch mit einer dicken Kette angekettet, die die Diebe nicht knacken konnten. Auf die Schnelle und ohne Werkzeug konnte Akko seinen Motor nicht reparieren und so mussten wir sie mit Gerhard & Andreas Dingi zurückschleppen zu unserer Ankerbucht. Und der Witz war auch noch, dass wir am Morgen pro Dingi EC$20 (ca. €6,30) zahlen mussten, um es im Hafen vertäuen zu dürfen. Das war uns bisher noch nirgendwo in der Karibik passiert. Dass solch ein fantastischer Tag nun so blöd enden musste!

Immerhin war die Rückfahrt im Dingi wesentlich besser als die Hinfahrt. Es hatte überhaupt keinen Wind und somit auch keine Wellen und wir kamen gänzlich trocken zu unseren Booten zurück.

Und am Abend bescherte uns die Natur zur Versöhnung noch einen spektakulären Sonnenuntergang.