Kai und der Hai

Vor ein paar Tagen war ich mal wieder mit dem Hydrofoil-Board unterwegs, da es bei uns zurzeit recht wenig Wind hat. Mittlerweile benutze ich meinen zweitlängsten Mast, der ca. 75cm lang ist, und kann damit schon ganz gut hin und her fahren. Problematisch sind allerdings die Richtungswechsel: weder eine Wende noch eine Halse klappt, ohne dass ich ins Wasser falle. Auch abrupte Richtungsänderungen während der normalen Fahrt enden häufig im Wasser.

Andrea war leider krank und so zog ich alleine meine Bahnen durch den Kitespot. Völlig geräuschlos glitt ich mit ca. 20 km/h dahin, als ich plötzlich einige Meter vor mir einen braunen Fleck bemerkte, der sich durchs Wasser bewegte. Beim genaueren Hinschauen stellte ich mit Entsetzen fest, dass es sich um einen ca. 1,5-2m großen Hai handelte, der gerade eine kleine Wasserschildkröte (Green Turtle) angriff. Mir blieb fast das Herz stehen, denn ich hielt geradewegs auf den Hai zu und hatte nur wenige Sekunden, um auszuweichen. Glücklicherweise schaffte ich es doch noch rechtzeitig, denn der Hai wäre über eine Kollision mit dem scharfkantigen Mast des Hydrofoils sicher nicht sonderlich erfreut gewesen. 

Jetzt bloß nicht vom Board fallen und vor dem nächsten Richtungswechsel möglichst viel Abstand zwischen mich und den Hai bringen! So fuhr ich bis mir Riffe die Weiterfahrt versperrten und ich mich wohl oder übel ins Wasser setzten musste. Mir war gar nicht wohl bei dem Gedanken, und so wollte ich blitzschnell das Board im Wasser drehen und sofort wieder aufsteigen. Und wie sollte es anders sein: vor lauter Aufregung ließ ich meinen Kite ins Wasser fallen und brauchte eine gefühlte Ewigkeit, um ihn wieder zu starten. 

Glücklicherweise sichtete ich den Hai auf dem Rückweg nicht mehr und ich beruhigte mich selbst mit dem Gedanken, dass dieser nach dem Verzehr der Schildkröte sicherlich erst einmal satt war. So kitete ich also noch einige Zeit weiter, bis ich mich dummerweise bei einem misslungenen versuchten Richtungswechsel mit dem Fuß am Mast verletzte. Da die Verletzung recht stark blutete, beschloss ich, dann doch lieber mal auf direktem Weg an den Strand zurückzufahren, nicht dass der Hai da noch eine leckere Nachspeise gewitterte hätte…

Obwohl dieses Erlebnis mir ganz schön weiche Knie gemacht hatte, so war es doch zugleich auch ziemlich faszinierend. Wer hat schließlich schon einmal einen Hai gesehen, der sich gerade eine Schildkröte einverleibt!

Zurück am Boot schaute ich sofort im Internet nach, um welche Art von Hai es sich gehandelt haben könnte. Sehr wahrscheinlich war es ein Sandbankhai. Im Allgemeinen gilt er als für den Menschen ungefährlich, so dass wir weiterhin beruhigt kiten können!

Schreck in der Nacht

Wie bereits im vergangenen Jahr, so wollten wir auch dieses Jahr wieder vorbei an Dominika und Guadeloupe direkt nach Antigua segeln. 

Wir schliefen morgens gemütlich aus, weil wir erst bei guter Sicht aufbrechen wollten, damit wir die ganzen Riffe und Fischerbojen gut sehen. Und dann ging es um 7:45 Uhr los.

Es war schönes Wetter und der Wind blies mit ca. 14 Knoten. Die Wellen waren nicht sehr hoch und wir segelten mit 6,5 Knoten dahin. Später frischte es dann etwas auf und auch die Wellen wurden höher und rumsten teilweise ganz schön an unsere Rümpfe. Doch wir kamen immer noch gut voran. Wir sahen einen wunderschönen Sonnenuntergang über Dominika und danach erblickten wir bereits in der Ferne die Lichter von Guadeloupe. 

Wir aßen zu Abend und danach vereinbarten wir, dass ich um 20 Uhr die erste Wache übernehmen würde und Kai erst einmal vier Stunden schlafen dürfte. Ich war nach ca. einer Stunde auch relativ müde und so nahm ich im Salon immer Mal einen Powernap. Alle 15 Minuten stellte ich mir den Wecker und ging dann einmal auf Rundgang bevor ich erneut etwas schlummerte. Doch plötzlich hatte ich das Gefühl, dass wir langsamer werden. Ein schneller Blick auf die Windanzeige bestätigte, dass der Wind ganz leicht runtergegangen war, doch wir fuhren plötzlich nur noch 4 statt 6,5 Knoten. Da stimmte etwas nicht. Schnell lief ich hinaus und warf einen Blick auf die Segel. Alles in Ordnung! Doch mittlerweile liefen wir nur noch 2 Knoten. Das konnte nicht sein! Kai kam auch schon hoch, weil ihm ebenfalls aufgefallen war, dass etwas nicht stimmt und als wir gemeinsam hinter unserer Silence ins Fahrwasser schauten, entdeckten wir dort eine große rote Boje mit mehreren dicken Leinen, die unter unsere Silence führten. Wir hatten uns im 1.000m tiefen Ozean ein Fischernetz eingefangen. Das konnte doch einfach nicht wahr sein! Mittlerweile machten wir überhaupt keine Fahrt mehr, wir standen still und unser Ruder ließ sich nicht mehr bewegen. Anscheinend hatten sich die Leinen um unser Ruder gelegt und blockierten dies. So rollten wir erst einmal die Genua ein, zogen das Großsegel herunter und ließen uns treiben. Welch ein Glück, dass wir so weit von Land entfernt waren, denn bevor wir nicht wussten um was sich die Leinen gelegt hatten, wollten wir es auf keine Fall riskieren, unsere Motoren einzuschalten.

So zog Kai sich aus, legte sein Gurtzeug an, ich bewaffnete mich mit unserem großen Strahler und Kai sprang ins Wasser. Ich kann euch sagen, das ist überhaupt kein gutes Gefühl, wenn man in stockfinsterer Nacht mitten auf dem Ozean bei 2m hohen Wellen ins Wasser muss, mal gar nicht zu reden von Haien u.ä.. Kai tauchte immer wieder unter und versuchte die Leinen und die Boje loszubekommen, doch die Wellen machten es ihm nicht leicht. Ich hatte panische Angst um ihn, weil er mit dem Kopf immer wieder unter unseren Rumpf tauchen musste, der von den Wellen ständig ca. einen Meter hochgehoben wurde und dann wieder aufs Wasser klatschte. Mir raste das Herz! Schließlich schaffte er es, uns von einer Leine zu befreien, aber eine kleinere war immer noch um den Schaft unseres Ruders gewickelt. Ich sah auch in seinen Augen Panik aufblitzen, weil er um diese loszubekommen ein ganzes Stück unter unser Boot tauchen müsste. So bat er mich mal zu probieren, ob ich das Ruder wieder bewegen könne und glücklicherweise funktionierte das. Zwar ging es wesentlich schwerer als normal, aber die andere Leine noch los zu bekommen war einfach zu gefährlich. So nahmen wir das Ende der Leine und legten es über eine Klampe, damit es nicht im Wasser herum schwamm und wir es am Ende doch noch in den Propeller bekämen.

Dann duschte Kai sich kurz ab, wir warfen die Motoren an, drehten unsere Silence wieder in die richtige Richtung, setzten Groß und Genua und schalteten den Autopiloten ein. Wir waren nicht sicher, ob er das Schiff mit der Leine ums Ruder steuern könnte, aber er schaffte es und wir atmeten auf.

Doch an Schlaf war jetzt nicht mehr zu denken. Wir waren beide völlig aufgewühlt und mussten uns erst einmal wieder beruhigen. Wir zitterten immer noch und unsere Nerven lagen blank. Warum musste uns ständig solch ein Mist passieren. Andere Leute segeln bei Nacht ohne Probleme mitten durch mit Fischerbojen übersäte Gebiete und wir fingen uns auf dem offenen Ozean eine Fischerboje ein. Das war manchmal echt zum Haare raufen! Aber glücklicherweise war es nochmal glimpflich abgelaufen und so beruhigten wir uns nach einiger Zeit wieder. 

Kai übernahm die nächste Nachwache und um 4 Uhr nachts tauschten wir nochmal. Bei Sonnenaufgang waren wir bereits im Kanal zwischen Guadeloupe und Antigua und ich löste Kai wieder ab. Bisher hatten wir relative gutes Wetter gehabt. Zwar war der ein oder andere Regenschauer vorbeigezogen, doch es hatte uns keiner getroffen. Zwei Stunden später sah das etwas anders aus. Am Horizont kam eine riesige schwarze Wolkenwand auf uns zu und mir war klar, dass diese uns treffen würde. Kai war mittlerweile auch wieder wach und so beschlossen wir, zur Sicherheit die Genua etwas zu reffen. Der Regen kam und mit ihm ca. 35 Knoten Wind. Ich saß mit meiner Regenjacke bekleidet am Ruder und beobachtete den Wind, um gegebenenfalls etwas abzufallen. Wir liefen zeitweise mehr als 9 Knoten und surften fast auf den Wellen. Wenn es nicht so geregnet hätte, wäre es richtig toll gewesen. Dann war der Schauer vorüber und die Sonne kam erneut zum Vorschein.

Kurz vor 11 Uhr morgens segelten wir bei strahlendem Sonnenschein in die Bucht von Falmouth und warfen den Anker direkt neben unseren schwedischen Freunden. Wir hatten die vorletzte Etappe nach Norden ohne größere Schäden an unserer Silence geschafft. Das Ruder hatte ein paar kleine Abschürfungen und an unserem Großsegel waren ein paar Nähte aufgegangen. Das ist zwar ein riesiger Brocken Arbeit, aber angesichts der Erlebnisse war unsere Reise dann doch glimpflich ausgegangen. Und dass unsere Silence uns immer mal wieder gut mit Nervenkitzel und Arbeit versorgt, sind wir ja mittlerweile gewohnt 😉

Von Ste. Anne nach Le Robert

Nachdem wir innerhalb einer Woche endlich alle Reparaturen abgeschlossen und die Einkäufe erledigt hatten, fuhren wir lediglich 2 Seemeilen nach Ste. Anne.

Dort wollten wir zum einen zum Arzt, weil wir bereits beide seit mehr als sechs Wochen Schmerzen in einem Gelenk eines Fingers hatten. Zum anderen wollte ich noch in der Boutique vorbei schauen, die ebenfalls Schmuck von mir verkauft.

Der Arztbesuch war relativ schnell abgehakt. Wir mussten ohne Termin lediglich eine halbe Stunde warten und schon waren wir an der Reihe. Der Arzt war sehr nett, konnte uns aber leider nicht wirklich weiterhelfen. Immerhin konnte er einige Dinge wie Zika, Chikungunya und Rheuma ausschließen und meinte, dass es sich wohl um eine Überlastung handeln müsse. Wir sollten die Hände schonen und schauen, ob es besser wird. Bei Kai ist es nun in der Tat weg, ich wache immer noch morgens auf und kann meinen Mittelfinger nur unter extremen Schmerzen bewegen. Über den Tag hinweg wird es dann zwar besser, aber schön ist das nicht und somit bin ich immer mehr der Überzeugung, dass dies keine Überlastung ist.

Glücklicherweise war der Besuch in der Boutique etwas erfolgreicher. Sylvie hatte unheimlich viel von meinem Schmuck verkauft und wollte gerne von allem Nachschub haben. Dort verkaufte ich bisher Ringe, Ohrringe und Halsketten mit kleinen Seeigeln und Ohrringe mit Muscheln, weil Sylvie in ihrer Boutique hauptsächlich Dinge aus natürlichen Materialien wie Holz, Muscheln, Kokosnüsse, … verkauft. Doch als ich ihr meine neuen „Nespresso-Kreationen“ zeigte, gefielen ihr diese so gut, dass sie auch hiervon einige in Kommission nehmen wollte. Wie das Programm für die nächsten Tage aussah, könnt ihr wahrscheinlich erahnen: ich bastelte 3 Tage lang von morgens bis abends und Kai half mir, indem er die ganzen Löcher in die Muscheln bohrte.

Und dann konnten wir uns endlich wieder von Le Marin und Ste. Anne verabschieden und unseren nächsten Programmpunkt angehen. Ein Freund von uns, mit dem wir immer in Union Island gekitet hatten, war nach längerem Aufenthalt in Europa wieder zurück in Martinique und wir wollten ihm natürlich unbedingt einen Besuch abstatten.

So segelten wir also am 7.12. nach Le Robert, wo Jean-Yves momentan mit seinem Boot vor Anker lag. Leider ist das nicht gerade einer der angenehmsten Segeltörns. Zuerst mussten wir gegen den Wind nach Nordosten kreuzen bevor wir dann in einem Schlag bei Vauclin hinter das schützende Barriereriff einbiegen konnten. Da der Atlantik im gesamten Osten von Martinique nicht sehr tief ist (nur ca. 50m) mussten wir überall nach Fischerbojen Ausschau halten. Diese haben den Namen Fischerbojen eigentlich in keiner Weise verdient. Während es sich z.B. in Marokko um Bojen mit einer ca. 2m hohen Fahne mit einem Blinklicht an der Spitze handelt, sind es hier transparente 0,5l-Wasserflaschen, die direkt an die Leinen zum Netz geknotet werden. Bei 1,5-2m Welle sind diese fast nicht zu sehen. Und so starrten wir beide während des gesamten Segeltörns mit Adleraugen aufs Wasser, um den unzähligen „Bojen“ rechtzeitig ausweichen zu können. Teilweise bestanden diese aus fünf bis sechs in ca. 10m-Abstand aneinander geketteten Flaschen, denen wir manchmal lediglich durch eine Wende ausweichen konnten, weil urplötzlich ein ganzes Feld davon vor uns auftauchte. Nach diesem Törn habe ich geschworen, dass ich nie mehr bei einem Fischer in Martinique einen Fisch kaufen werde. Am liebsten würde ich mir mal ein kleines Motorboot mieten und mit diesem hinaus fahren und die ganzen Bojen abschneiden. Die Bojen sind wirklich eine sehr unschöne Sache und für uns und unser Boot auch sehr gefährlich.

Selbst im Kanal, der mit roten und grünen Fahrwasserbojen gekennzeichnet ist, befanden sich überall Fischerbojen. Unglaublich! Links und rechts von uns Riffe und mittendrin die Fischerbojen. Na, da macht Segeln doch so richtig Spaß! Doch glücklicherweise schafften wir es, diese Bojen alle zu umfahren und kamen um 16:30 Uhr ziemlich geschlaucht in Le Robert an.

Jean-Yves freute sich riesig uns zu sehen und kam gleich mit dem Dinghi rüber. Er hatte für diesen Nachmittag bereits für 17 Uhr ein befreundetes Pärchen zum Mexican-Train Spielen eingeladen und natürlich sollten wir auch kommen. Wir waren zwar etwas k.o. von dem anstrengenden Segeltag, aber natürlich wollten wir nicht absagen und so duschten wir ganz schnell und fuhren dann mit dem Dinghi rüber zu Jean-Yves. Es war ein richtig schöner Abend und wir hatten sehr viel Spaß!

Da es uns hier sehr gut gefiel (die Bucht ist quasi von allen Seiten geschützt und nachts schliefen wir wie die Babys) und Jean-Yves sich auch so sehr über unseren Besuch freute, beschlossen wir ein paar Tage hier zu bleiben. Und auch diese Tage waren wieder sehr ausgefüllt. Zum einen war ich schon wieder am Basteln, weil ich noch einige Dinge für den Shop in Antigua fertig stellen wollte, zum anderen gab es fast immer ein straffes Programm. Jeden zweiten Tag wurde nachmittags um 17 Uhr Mexican Train gespielt und meist beendeten wir die Spiele erst so gegen 22 Uhr. Da wir normalerweise lediglich etwas Obst und Kefir zu Mittag essen, musste dann bereits spätestens um 16:30 Uhr unser Abendessen auf dem Tisch stehen. Das brachte unsere Essgewohnheiten ganz schön durcheinander.

An einem Nachmittag waren auch wir Gastgeber eines Mexican-Train-Abends und da gerade noch andere Freunde von Jean-Yves in der Bucht angekommen waren, quetschten wir uns insgesamt zu acht an unseren Salon-Tisch. Jeder hatte ein paar Leckereien und Getränke mitgebracht und so wurden immer wieder kurze Essenspausen eingelegt, bevor es dann voll Eifer mit dem Spiel weiterging. Die Franzosen sind einfach so nett und herzlich und man fühlt sich nach zwei Tagen, als ob man sich schon ewig kennen würde!

An einem Vormittag brachte mir eine Freundin von Jean-Yves bei, wie man kleine Körbchen aus Palmblättern flechtet. Diese werden hier auf allen Inseln verkauft und es machte riesig Spaß das zu lernen!

Und an einem anderen Vormittag nahmen uns die Freunde von Jean-Yves mit zum Einkaufen, damit wir vor allem unsere Obst- und Gemüsevorräte vor der Abfahrt nach Antigua nochmals auffrischen konnten.

Uns fiel der Abschied ziemlich schwer, aber da sich gerade ein gutes Wetterfenster auftat, beschlossen wir, am 14.12. weiter zu segeln nach Antigua. Wir hatten 5 wunderschöne Tage verbracht und hoffen, dass wir die ganzen neuen Bekanntschaften vielleicht in diesem Jahr irgendwo wieder sehen werden.

Und was auf der Reise von Martinique nach Antigua passierte, erfahrt ihr dann im nächsten Beitrag.