Bereit zur Abfahrt von St. Martin

Nachdem wir ja nun nicht mehr auf Kais Paket warten mussten, wollten wir endlich zurück nach Antigua. Unsere kanadischen und schwedischen Freunde warteten dort schon seit Wochen auf uns und wir wollten so gerne mal wieder in der Nonsuch Bay kitesurfen. Ursprünglich wollte Kai da natürlich sein neues Foil ausprobieren, doch daraus wird ja erst einmal nichts.

So machten wir uns und unsere Silence langsam bereit für die Abfahrt. Der Kühlschrank wurde bis oben hin mit Leckereien wie Camembert, Brie, Kräuterfrischkäse, Salami, Chipolatas, Mousse au Chocolat, Schokolade, Lauch, Brokkoli,… vollgeladen und wir putzten unser Unterwasserschiff. Meine Güte, nach 6 Wochen hatten wir da unten einen ganz schön dicken Algenteppich. Es sah aus wie ein Unterwasser-Flokati. Doch die Fische freuten sich über unsere Putzaktion. Ein paar Makrelen kamen ganz nah und verzehrten mit Enthusiasmus den Krill und die anderen kleinen Tierchen, die wir mit unserer Aktion aufscheuchten. Auch ein riesiger Barrakuda war recht interessiert und während ich kurz einen Adlerrochen vorbei schweben sah, zog an Kai zuerst eine große Schildkröte und dann ein Tigerhai vorbei. Huihuihui, hier war ja tierisch was los!

So, jetzt waren wir bereit zur Abreise, aber leider spielte das Wetter nicht mit. Der Wetterbericht für die nächste Woche sah nicht sehr vielversprechend aus. Es hatte schon die ganzen letzten Wochen sehr viel Wind aus Nordost. In Fallböen zog er über die Bucht und unseren Ankerplatz und bescherte uns manch regnerischen Tag und kühle Abende. Doch wenn der Wind ab und an mal für ein oder zwei Tage runter ging, dann drehte er immer nach Südost und kam quasi direkt aus Richtung Antigua, wo wir ja gerne hin wollten.

Für die Nicht-Segler unter euch. Leider können wir nicht direkt gegen den Wind segeln, sondern mit unserem Boot und unseren alten Segeln können wir nur mit einem Winkel von 60º zum wahren Wind fahren. Das heißt, dass wir nicht die direkte Strecke von 100 Seemeilen segeln können, sondern wir müssen gegen den Wind aufkreuzen. Und wenn der Wind direkt von dort kommt, also von dort wo wir hin wollen, bedeutet es, dass wir die doppelte Strecke zurücklegen müssen! Und das noch unter nicht gerade schönen Bedingungen, weil die Welle ja auch aus der Richtung kommt, in die wir wollen und somit heftig in unsere Rümpfe knallt. 

Das klang nicht gut und so warteten wir erst einmal etwas ab. Kai fiel noch ein weiteres Projekt am Boot ein. Nach dem Einbau der neuen Batterien wollte er nun auch gerne einiges an der allgemeinen Verkabelung im Boot ändern. So kaufte er einen neuen Schalter, mit dem man in Zukunft ganz einfach zwischen den Hausbatterien und der Starterbatterie hin und her wechseln kann. Und er kaufte Kabel, um unseren Inverter an alle Steckdosen anzuschließen. Bisher konnten wir mit dem Inverter nur eine einzige 220V-Steckdose benutzen und mussten von dieser immer ein Verlängerungskabel spannen. Die anderen Steckdosen waren nur mit Landstrom (also in einer Marina) oder mit unserem Generator zu nutzen. Das änderte sich nun: jetzt können wir auch ohne Landstrom alle unsere Steckdosen im Boot benutzen. Das ist schon mal super. Und das nächste Projekt wird sein, dass Kai noch eine Steckdose für 110V einbauen wird. Dann müssen wir nicht immer kompliziert den 110V-Traffo an den Inverter anschließen. Da freue ich mich drauf.

Ansonsten bummelten wir manchmal etwas durch Marigot und schauten uns die tolle Street Art an, wenn wir es auf unserem Boot nicht mehr aushielten. Teilweise blies der Wind so sehr über unsere Silence, dass wir nachmittags Kopfschmerzen hatten. Es half auch nicht, dass einer unserer Nachbarn einen extrem nervigen Windgenerator hatte, der bei dem starken Wind die ganze Zeit in hellen schrillen Tönen „Sizsizsizsiz“ machte. Wieso tauschten diese Trottel denn nicht mal das kaputte Lager aus? Das ist doch zum Haare raufen!

Irgendwie verursachte St. Martin bei uns die ganze Zeit gespaltene Gefühle. Zum einen ist es ein Einkaufsparadies. Im niederländischen Teil der Insel ist das Hauptquartier von zwei großen karibischen Schiffszubehörläden, Budget Marine und Island Waterworld, bei denen man wirklich sehr viele Bootsteile bekommt. Außerdem gibt es im französichen Teil noch einen kleinen Shop namens Ile Marine, der auch sehr viele Bootsteile hat oder diese besorgen kann. Es gibt einen großen Baumarkt und einen fantastischen Laden namens Electec, bei dem man alles bekommt, was mit Elektrik zu tun hat. Wir hatten einmal eine riesige Einkaufsliste mit Schaltern, Rahmen, Kabeln, … und sie hatten alles vorrätig. Das sind wir überhaupt nicht mehr gewohnt. Da fühlt man sich wirklich wie im Paradies.

Und was man hier vor Ort nicht bekommt, lässt man sich einfach aus USA schicken. Auch hier gibt es mehrere Anbieter, die die Pakete für einem verschiffen bzw. per Flugzeug reinbringen. Alles relativ schnell und unkompliziert.

Dann sind da die vielen Flohmärkte. In den 6 Wochen, die wir in St. Martin bzw. Sint Maarten verbrachten, fanden alleine schon drei Flohmärkte statt. Und da geht es nicht nur ums Kaufen bzw. Verkaufen von Bootsteilen, sondern auch um den Kontakt zu anderen Seglern. Nach der Corona-Durststrecke war das richtig toll.

Und natürlich gibt es im französischen Teil mehrere Bäckereien mit Baguette, Schoko-Croissants und anderen Leckereien, die uns auf den englischen Inseln auch immer sehr fehlen.

Und last but not least gibt es einen Leader Price, einen SuperU und einen großen Carrefour Market, wo wir alles bekamen, was unser Herz begehrt. Bei SuperU gab es sogar Kastanienhonig. Den hatte ich schon seit mehr als 8 Jahren nicht mehr gegessen. Welch Genuss!

Aber da ist auch die Kehrseite der Medaille. Ich hatte ja schon erwähnt, dass der Wind in Marigot ganz schön pfeift und meist zieht er dann in großen Fallböen übers Boot. Die Bucht ist tierisch voll und wenn man nicht recht weit vorne einen Platz findet, dann bollern die Wellen den ganzen Tag ans Boot und nachts lässt es sich nicht gut schlafen. Außerdem wird hier gerade ein neues Hotel gebaut und morgens um 7 Uhr ging es los mit den Presslufthämmern und wir durften uns den ganzen Tag das „rattatat“ anhören.

Abends gab es dann meist musikalische Untermalung der diversen Restaurants in Marigot. Ich sage euch, es ist nicht schön, wenn sich die unglaubliche laute Musik aus drei verschiedenen Kneipen bei uns am Boot trifft. Da könnte man glatte Wände hoch gehen!

Aber der Höhepunkt war sicherlich als an einem Wochenende eine Wahlveranstaltung direkt an der Uferpromenade stattfand. Wir dachten ja zuerst, da wären ein paar Irre aus der Anstalt entwichen, weil solch ein Spektakel hatten wir noch nicht gehört. Mittags um 16 Uhr ging es los: es wurden Boxen installiert und dann die Mikrofone getestet. Circa eine halbe Stunde lang schallte es über die Ankerbucht: „Uuuu, aaaaa, uu, aa, umpfumpf, uuu.“ Entschuldigt, den Vergleich, aber wir dachten wir wären im Urwald und würden einer Horde wildgewordener Affen lauschen. Aber es sollte noch besser werden. So ca. um 17 Uhr ging die Veranstaltung los. Es war wohl ein Rede-Duell der beiden Kandidaten. Zuerst schallte eine männliche Stimme über die Ankerbucht, dann eine weibliche. Stundenlang duellierten sie abwechselnd in die Mikrofone. Nach dem Abendessen gingen wir zu Bett, schalteten den Fernseher an und versuchten einen Tatort zu schauen. Mittlerweile hatte das Duell einen Gang zugelegt und war in Geschrei übergegangen, das von Tröten und Hupen der jeweiligen Sympathisanten begleitet wurde. Es war im Kopf nicht auszuhalten. Ich hätte nicht gedacht, dass es noch eine weitere Steigerung geben könnte, aber wie so oft wurde ich eines Besseren belehrt. Unser Tatort war fertig und wir versuchten noch etwas zu lesen, weil bei diesem Lärm nicht an Schlaf zu denken war, doch irgendwann schrie die männliche Stimme ununterbrochen ins Mikrofon „Are you ready? Are you ready? Are you reaaaadddyyyy?“ (auf deutsch heißt das „Seid ihr bereit?“) Nach 10 Minuten hatte er mich soweit. Mir standen die Tränen in den Augen und ich war bereit. Bereit dazu mit dem Dingi an Land zu fahren und diesem Riesenrindvieh eine auf die Mütze zu hauen. Ernsthaft, so sieht in der Karibik eine Wahlveranstaltung für einen Politiker aus? Das ist doch irre! 

Glücklicherweise war das der absolute Höhepunkt der ganzen Sache. Danach gab es noch frenetisches Hupen und Tröten, dass es mir selbst mit Kissen über dem Kopf fast die Ohren wegföhnte und dann war Stille! Meine Erleichterung, dass wir das überstanden hatten, könnt ihr euch nicht vorstellen.

Ihr seht, St. Martin hinterlässt also sehr unterschiedliche Gefühle bei uns. Zum Einkaufen möchte ich jederzeit gerne wieder hin. Ein mehrmonatiger Aufenthalt in Marigot ist für uns aber nicht wirklich vorstellbar. Und deshalb freuen wir uns, wenn wir endlich zurück sind in unserem schönen ruhigen friedlichen Green Island.

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