Alljährliche Fahrt in den Süden – Tag 2

Am zweiten Tag ging es weiter von Basseterre in Guadeloupe an Les Saintes vorbei nach Roseau in Dominika. Dieses Mal mussten wir nicht ganz so früh aufbrechen, weil wir lediglich eine Strecke von 48 Seemeilen vor uns hatten. Doch diese Strecke hat es meistens in sich, weil es in den Kanälen zwischen Guadeloupe, Les Saintes und Dominica oft bläst wie verrückt.

Und auch dieses Mal sollte dies keine gemütliche Überfahrt werden. Bereits von unserem Ankerplatz aus sahen wir, dass ein Regenschauer nach dem nächsten durch den Kanal zog. Deshalb warteten wir noch etwas ab, doch es wurde einfach nicht besser. Da der Wetterbericht vorhergesagt hatte, dass sich das schlechte Wetter so ziemlich auf diesen ersten Kanal nach Les Saintes begrenzte, gingen wir gegen 8:15 Uhr Anker auf und fuhren mit beiden Segeln im ersten Reff los.

Zuerst sah alles noch ganz gut aus, doch je näher wir der Mitte des Kanals kamen, umso näher rückte auch ein Regenschauer aus Osten und ein Frachtschiff aus Westen. Dass der Schauer uns trifft war sicher und auch das Frachtschiff hielt munter auf uns zu. So schaute ich im AIS (ein System, das in unser Funkgerät integriert ist und uns Daten von anderen Schiffen anzeigt) nach, welchen Kurs der Frachter fährt, wie der CPA (closest point of approach) und TCPA (time to closest point of approach) ist. Och nein, das sah nicht gut aus: der CPA war 0,1 Seemeilen und TCPA ca. 10 Minuten. Das bedeutete, der Frachter würde, wenn wir beide weiterhin unseren Kurs beibehalten würden, in 10 Minuten ca. 180m vor oder hinter uns passieren. Das wäre verdammt nahe, zumal ja von der anderen Seite auch noch der Regenschauer auf uns zukam. Wir beschlossen, erst mal abzuwarten und zu schauen, wie alles auskommt. 

Und da kam auch schon der Schauer und traf uns mit voller Wucht. Es fing an zu regnen und der Wind ging immer weiter hoch: 24 Knoten, 26, 27, 28, 30 und schließlich 32,5 Knoten. Kai fiel ab (steuerte vom Wind weg), während ich unsere Segel etwas fierte und wir rauschten mit fast 9 Knoten dahin. Der Frachter war erstmal vergessen, weil wir mit unserem Boot und den Segeln genug beschäftigt waren. Als der Spuk vorbei war, hielt ich sofort wieder nach dem Frachter Ausschau, doch dieser war inmitten des Regenschauers verschwunden. Da waren wir ganz schön froh um unser AIS, auf dem wir weiterhin sehen konnten, wo er sich befand und wie weit er noch von uns entfernt war. Der CPA war nun bei 0,2 Sm (auch nicht wirklich toll) und TCPA bei 5 Minuten. Doch glücklicherweise sah ich, dass er mittlerweile leicht seinen Kurs geändert hatte und wenn wir auch nochmal etwas anluven (dichter an den Wind fahren) würden, sollte er hinter uns vorbei kommen. Und so war es dann auch. Fünf Minuten später passierte er uns in ca. 800m Entfernung! So etwas ist wirklich typisch: wir und der Frachter waren die einzigen Schiffe, die im Kanal unterwegs waren und mussten natürlich mitten im Regenschauer fast auf Kollisionskurs sein!

Der Rest der Fahrt war zwar weiterhin ziemlich durchwachsen, weil uns noch zwei Regenschauer trafen, aber diese waren glücklicherweise nicht ganz so heftig wie der erste und hinter Dominika lachte uns dann auch wieder die Sonne.

So kamen wir um 16:30 Uhr in Roseau an, wo wir von einem der Boatboys an einer Boje festgemacht wurden. Hier konnten wir uns zum ersten Mal einen Eindruck von der Zerstörung von Hurrikan Maria im vergangenen September machen. Die Aufbauarbeiten scheinen ganz gut voran zu gehen und ziemlich viele Gebäude haben neue Dächer bekommen. Aber man sieht auch noch einige fast vollkommen eingestürzte Häuser, die ganzen Bootsstege hier in der Bucht fehlen und es gibt noch einiges zu tun. Die Natur hat sich wohl am besten erholt, denn was wohl vor einigen Monaten noch kahl und braun war, ist jetzt schon wieder saftig grün und sprießt. Wenn wir Menschen uns nur auch so schnell von solchen Naturgewalten erholen könnten!

Alljährliche Fahrt in den Süden – Tag 1

Am Montag traten wir von der Nonsuch Bay in Antigua um 5 Uhr morgens unseren alljährlichen Weg Richtung Süden an. Zuerst hatten wir geplant, direkt von hier nach Martinique zu segeln, und zwar an der Ostseite der ganzen Inseln entlang. Doch leider ließ das Wetter dies nicht zu und so segelten wir, wie immer, nach Basseterre in Guadeloupe. Eigentlich sollte es ein recht angenehmer Törn werden, weil wir dieses Mal einen besseren Winkel hatten, doch leider hatten wir mit enorm viel Seetang zu kämpfen. Ständig mussten wir größeren Feldern ausweichen und sammelten dennoch so viel Sargassum Weed auf, dass mehrmals unser Ruder blockierte und wir in den Wind schießen mussten, um den ganzen Seetang wieder los zu werden. 

Und auf halbem Weg durch den Kanal spielte uns der Seetang dann noch einen anderen Streich. Wir kamen auf ein riesiges Feld zu, dem wir unmöglich ausweichen konnten, und so hieß es „Augen zu und durch“. Doch so einfach sollte es uns nicht gemacht werden. Kaum waren wir durch das Sargassum durch, als wir auch schon langsamer wurden. Zuerst dachten wir, wir hätten uns wieder jede Menge Seetang eingefangen, doch dann entdeckten wir, dass es diesmal schlimmer war. Mitten in dem Seetang-Feld musste wohl eine Leine einer Fischerboje geschwommen sein, die sich nun um unser Ruder gelegt hatte. Wir wurden immer langsamer und unsere Ruder ließen sich nicht mehr bewegen. Ach herrje, was nun? Da wir auf keinen Fall den Motor anschalten wollten, damit wir die Leine nicht auch noch in einen unserer Propeller bekommen, blieb nur eine Möglichkeit: Kai musste ins Wasser und sich die Sache von dort ansehen. Also zog er sich schnell aus, machte eine unserer Dingi-Leinen los, band sich diese um den Bauch, zog die Schnorchelbrille an und ging auf Tauchstation. Unter Wasser sah er, dass die Leine nicht nur um unser Backbord-Ruder, sondern auch um unser Steuerbord-Ruder ging, aber es sah so aus, als ob sie sich nirgendwo verwickelt hatte, sondern nur einmal vorne an unseren Rudern vorbei ging. Also versuchten wir nochmals die Ruder zu bewegen, was bei der geringeren Geschwindigkeit nun ging. Jetzt konnten wir in den Wind drehen, um zum Stillstand zu kommen. Sogleich löste sich die Leine von unserem Steuerbord-Ruder und dann auch von unserem Backbord-Ruder. Dann konnten wir wieder zurück auf Kurs gehen und erneut Fahrt aufnehmen. Puh, welche Aufregung!

Glücklicherweise brachten wir den Rest des Kanals ohne weitere negative Ereignisse hinter uns und kurz vor Guadeloupe war urplötzlich auch überhaupt kein Seetang mehr zu sehen. Da dies ein gutes Gebiet zum Fischen ist, warfen wir sofort unsere Angelleine aus und mussten keine fünf Minuten warten, bis einen Fisch anbiss. Es war eine wunderschöne ca. 75 cm lange Dorade, die Kai nach einem längeren Kampf an Bord zog. Welch tolles Abendessen!

Gegen 17 Uhr kamen wir nach 72 Seemeilen in Basseterre an und nachdem wir geankert hatten, schaute sich Kai dann nochmal genauer unsere Ruder an. Leider hatte die Leine im Backbord-Ruder eine tiefe Kerbe hinterlassen, die wir wohl bei unserem nächsten Werft-Aufenthalt reparieren müssen. Doch es hätte schlimmer kommen können und so waren wir froh, dass dies so glimpflich ausgegangen ist.

Und zum Abendessen gab es dann Doradenfilets an einer Butter-Zitronen-Petersilien-Soße mit Salzkartoffeln und Zuckerschoten. Welch ein Festschmaus! 

Unser Propeller geht auf Tauchstation

Am Donnerstag morgen standen wir um 6:30 Uhr auf und gingen um 7:00 Uhr Anker auf, um zurück nach Antigua zu segeln. Noch während ich den Anker festmachte, wunderte ich mich, wo Kai denn auf einmal hinfährt. Und als ich nach hinten rief, was er denn da macht, bekam ich zur Antwort: „Ich glaube wir haben unseren Steuerbord-Propeller verloren!“ Ich dachte zuerst, dass er mich veräppeln will, doch als er dann rief, ich solle sofort den Anker wieder losmachen und runterwerfen, war mir klar, dass er nicht gescherzt hatte. Das konnte doch wohl nicht wahr sein!

Als wir unsere Silence wieder verankert hatten, ging ich nach hinten und schaute mal unter unseren Rumpf. Und tatsächlich: da wo normalerweise unserer Propeller ist, war an der Steuerbord-Seite nichts! So schnappte Kai sich seine Schnorchelbrille und sprang ins glücklicherweise glasklare Wasser, um die ganzen Teile zu suchen. Und noch nicht einmal fünf Minuten später kam er auch schon mit dem Propeller und dem Kegel zur Arretierung zurück. Doch leider fehlte noch die große lange Sicherungsschraube. Kai schwamm noch mehrmals vor und zurück, doch die Schraube war nicht zu finden. Vermutlich hatten wir diese bereits vorher irgendwo anders verloren. Doch glücklicherweise waren wir für diesen Fall gerüstet. Bereits der Voreigner hatte uns davor gewarnt, dass man ganz leicht mal seinen Propeller verlieren könne (das hatten wir zu dem Zeitpunkt natürlich für Unsinn gehalten) und man deshalb immer einen Ersatz dabei haben sollte. Aber nachdem uns einige andere Segler und auch ein Experte das gleiche gesagt hatten, hatten wir uns irgendwann tatsächlich einen gebrauchten Satz an Bord gelegt. Und das, obwohl wir ehrlich gesagt immer noch der Meinung waren, dass uns so etwas nicht passieren würde, weil wir den Propeller ja auf der Werft immer gut verschrauben. Tja, gut, dass wir den Rat doch befolgt hatten, denn so konnte Kai die fehlende Schraube aus unserer Ersatzteilkiste kramen und gleich wieder ins Wasser springen, um alles zu montieren.

Während ich ihm die erforderlichen Werkzeuge anreichte, setzte er unter Wasser die Teile wieder auf und zog die Schraube gut fest. Danach duschte Kai noch schnell und mit lediglich 55 Minuten Verzögerung gingen wir wieder Anker auf und machten uns auf den Weg nach Antigua!

Und das sogar mit blendender Laune, denn wir waren uns einig, dass uns Fortuna ganz schön hold gewesen war. Wäre uns der Propeller irgendwo während der Fahrt abgefallen, wären die ganzen Teile in den Tiefen des Meeres verschwunden. Und wäre es einen Tag zuvor in der Bucht von Baie Mahault passiert, hätten wir die Teile auch niemals wiedergefunden, weil es dort Brackwasser hat und man im Wasser die Hand vor Augen nicht sehen kann. Dass wir den Propeller also ausgerechnet im glasklaren, lediglich 2m tiefen Wasser verlieren, war riesiges Glück im Unglück!

Und so segelten wir glücklich und zufrieden bei super Wind und recht wenig Wellen erneut mit einem Schnitt von ca. 7,5 Knoten in 6 Stunden zurück nach Antigua.

Alles in allem war es trotz des kleinen Zwischenfalls ein sehr angenehmer und schöner Trip nach Guadeloupe. Das könnte von uns aus jedes Mal so sein (außer der Verlust des Propellers, das muss nicht unbedingt nochmal sein 😉

Und hier zum Abschluss noch eine kleine Bemerkung am Rande zum Thema Segeln: während der Fahrt haben wir uns überlegt, dass wir für die insgesamt 48 Seemeilen (also ca. 90 Kilometer) von Antigua nach Guadeloupe fast genauso lange brauchen, wie ihr mit dem Flieger von Frankfurt nach Guadeloupe benötigen würdet! Ist das nicht der Wahnsinn?