Schreck in der Nacht

Wie bereits im vergangenen Jahr, so wollten wir auch dieses Jahr wieder vorbei an Dominika und Guadeloupe direkt nach Antigua segeln. 

Wir schliefen morgens gemütlich aus, weil wir erst bei guter Sicht aufbrechen wollten, damit wir die ganzen Riffe und Fischerbojen gut sehen. Und dann ging es um 7:45 Uhr los.

Es war schönes Wetter und der Wind blies mit ca. 14 Knoten. Die Wellen waren nicht sehr hoch und wir segelten mit 6,5 Knoten dahin. Später frischte es dann etwas auf und auch die Wellen wurden höher und rumsten teilweise ganz schön an unsere Rümpfe. Doch wir kamen immer noch gut voran. Wir sahen einen wunderschönen Sonnenuntergang über Dominika und danach erblickten wir bereits in der Ferne die Lichter von Guadeloupe. 

Wir aßen zu Abend und danach vereinbarten wir, dass ich um 20 Uhr die erste Wache übernehmen würde und Kai erst einmal vier Stunden schlafen dürfte. Ich war nach ca. einer Stunde auch relativ müde und so nahm ich im Salon immer Mal einen Powernap. Alle 15 Minuten stellte ich mir den Wecker und ging dann einmal auf Rundgang bevor ich erneut etwas schlummerte. Doch plötzlich hatte ich das Gefühl, dass wir langsamer werden. Ein schneller Blick auf die Windanzeige bestätigte, dass der Wind ganz leicht runtergegangen war, doch wir fuhren plötzlich nur noch 4 statt 6,5 Knoten. Da stimmte etwas nicht. Schnell lief ich hinaus und warf einen Blick auf die Segel. Alles in Ordnung! Doch mittlerweile liefen wir nur noch 2 Knoten. Das konnte nicht sein! Kai kam auch schon hoch, weil ihm ebenfalls aufgefallen war, dass etwas nicht stimmt und als wir gemeinsam hinter unserer Silence ins Fahrwasser schauten, entdeckten wir dort eine große rote Boje mit mehreren dicken Leinen, die unter unsere Silence führten. Wir hatten uns im 1.000m tiefen Ozean ein Fischernetz eingefangen. Das konnte doch einfach nicht wahr sein! Mittlerweile machten wir überhaupt keine Fahrt mehr, wir standen still und unser Ruder ließ sich nicht mehr bewegen. Anscheinend hatten sich die Leinen um unser Ruder gelegt und blockierten dies. So rollten wir erst einmal die Genua ein, zogen das Großsegel herunter und ließen uns treiben. Welch ein Glück, dass wir so weit von Land entfernt waren, denn bevor wir nicht wussten um was sich die Leinen gelegt hatten, wollten wir es auf keine Fall riskieren, unsere Motoren einzuschalten.

So zog Kai sich aus, legte sein Gurtzeug an, ich bewaffnete mich mit unserem großen Strahler und Kai sprang ins Wasser. Ich kann euch sagen, das ist überhaupt kein gutes Gefühl, wenn man in stockfinsterer Nacht mitten auf dem Ozean bei 2m hohen Wellen ins Wasser muss, mal gar nicht zu reden von Haien u.ä.. Kai tauchte immer wieder unter und versuchte die Leinen und die Boje loszubekommen, doch die Wellen machten es ihm nicht leicht. Ich hatte panische Angst um ihn, weil er mit dem Kopf immer wieder unter unseren Rumpf tauchen musste, der von den Wellen ständig ca. einen Meter hochgehoben wurde und dann wieder aufs Wasser klatschte. Mir raste das Herz! Schließlich schaffte er es, uns von einer Leine zu befreien, aber eine kleinere war immer noch um den Schaft unseres Ruders gewickelt. Ich sah auch in seinen Augen Panik aufblitzen, weil er um diese loszubekommen ein ganzes Stück unter unser Boot tauchen müsste. So bat er mich mal zu probieren, ob ich das Ruder wieder bewegen könne und glücklicherweise funktionierte das. Zwar ging es wesentlich schwerer als normal, aber die andere Leine noch los zu bekommen war einfach zu gefährlich. So nahmen wir das Ende der Leine und legten es über eine Klampe, damit es nicht im Wasser herum schwamm und wir es am Ende doch noch in den Propeller bekämen.

Dann duschte Kai sich kurz ab, wir warfen die Motoren an, drehten unsere Silence wieder in die richtige Richtung, setzten Groß und Genua und schalteten den Autopiloten ein. Wir waren nicht sicher, ob er das Schiff mit der Leine ums Ruder steuern könnte, aber er schaffte es und wir atmeten auf.

Doch an Schlaf war jetzt nicht mehr zu denken. Wir waren beide völlig aufgewühlt und mussten uns erst einmal wieder beruhigen. Wir zitterten immer noch und unsere Nerven lagen blank. Warum musste uns ständig solch ein Mist passieren. Andere Leute segeln bei Nacht ohne Probleme mitten durch mit Fischerbojen übersäte Gebiete und wir fingen uns auf dem offenen Ozean eine Fischerboje ein. Das war manchmal echt zum Haare raufen! Aber glücklicherweise war es nochmal glimpflich abgelaufen und so beruhigten wir uns nach einiger Zeit wieder. 

Kai übernahm die nächste Nachwache und um 4 Uhr nachts tauschten wir nochmal. Bei Sonnenaufgang waren wir bereits im Kanal zwischen Guadeloupe und Antigua und ich löste Kai wieder ab. Bisher hatten wir relative gutes Wetter gehabt. Zwar war der ein oder andere Regenschauer vorbeigezogen, doch es hatte uns keiner getroffen. Zwei Stunden später sah das etwas anders aus. Am Horizont kam eine riesige schwarze Wolkenwand auf uns zu und mir war klar, dass diese uns treffen würde. Kai war mittlerweile auch wieder wach und so beschlossen wir, zur Sicherheit die Genua etwas zu reffen. Der Regen kam und mit ihm ca. 35 Knoten Wind. Ich saß mit meiner Regenjacke bekleidet am Ruder und beobachtete den Wind, um gegebenenfalls etwas abzufallen. Wir liefen zeitweise mehr als 9 Knoten und surften fast auf den Wellen. Wenn es nicht so geregnet hätte, wäre es richtig toll gewesen. Dann war der Schauer vorüber und die Sonne kam erneut zum Vorschein.

Kurz vor 11 Uhr morgens segelten wir bei strahlendem Sonnenschein in die Bucht von Falmouth und warfen den Anker direkt neben unseren schwedischen Freunden. Wir hatten die vorletzte Etappe nach Norden ohne größere Schäden an unserer Silence geschafft. Das Ruder hatte ein paar kleine Abschürfungen und an unserem Großsegel waren ein paar Nähte aufgegangen. Das ist zwar ein riesiger Brocken Arbeit, aber angesichts der Erlebnisse war unsere Reise dann doch glimpflich ausgegangen. Und dass unsere Silence uns immer mal wieder gut mit Nervenkitzel und Arbeit versorgt, sind wir ja mittlerweile gewohnt 😉

Alljährliche Fahrt in den Süden – Tag 2

Am zweiten Tag ging es weiter von Basseterre in Guadeloupe an Les Saintes vorbei nach Roseau in Dominika. Dieses Mal mussten wir nicht ganz so früh aufbrechen, weil wir lediglich eine Strecke von 48 Seemeilen vor uns hatten. Doch diese Strecke hat es meistens in sich, weil es in den Kanälen zwischen Guadeloupe, Les Saintes und Dominica oft bläst wie verrückt.

Und auch dieses Mal sollte dies keine gemütliche Überfahrt werden. Bereits von unserem Ankerplatz aus sahen wir, dass ein Regenschauer nach dem nächsten durch den Kanal zog. Deshalb warteten wir noch etwas ab, doch es wurde einfach nicht besser. Da der Wetterbericht vorhergesagt hatte, dass sich das schlechte Wetter so ziemlich auf diesen ersten Kanal nach Les Saintes begrenzte, gingen wir gegen 8:15 Uhr Anker auf und fuhren mit beiden Segeln im ersten Reff los.

Zuerst sah alles noch ganz gut aus, doch je näher wir der Mitte des Kanals kamen, umso näher rückte auch ein Regenschauer aus Osten und ein Frachtschiff aus Westen. Dass der Schauer uns trifft war sicher und auch das Frachtschiff hielt munter auf uns zu. So schaute ich im AIS (ein System, das in unser Funkgerät integriert ist und uns Daten von anderen Schiffen anzeigt) nach, welchen Kurs der Frachter fährt, wie der CPA (closest point of approach) und TCPA (time to closest point of approach) ist. Och nein, das sah nicht gut aus: der CPA war 0,1 Seemeilen und TCPA ca. 10 Minuten. Das bedeutete, der Frachter würde, wenn wir beide weiterhin unseren Kurs beibehalten würden, in 10 Minuten ca. 180m vor oder hinter uns passieren. Das wäre verdammt nahe, zumal ja von der anderen Seite auch noch der Regenschauer auf uns zukam. Wir beschlossen, erst mal abzuwarten und zu schauen, wie alles auskommt. 

Und da kam auch schon der Schauer und traf uns mit voller Wucht. Es fing an zu regnen und der Wind ging immer weiter hoch: 24 Knoten, 26, 27, 28, 30 und schließlich 32,5 Knoten. Kai fiel ab (steuerte vom Wind weg), während ich unsere Segel etwas fierte und wir rauschten mit fast 9 Knoten dahin. Der Frachter war erstmal vergessen, weil wir mit unserem Boot und den Segeln genug beschäftigt waren. Als der Spuk vorbei war, hielt ich sofort wieder nach dem Frachter Ausschau, doch dieser war inmitten des Regenschauers verschwunden. Da waren wir ganz schön froh um unser AIS, auf dem wir weiterhin sehen konnten, wo er sich befand und wie weit er noch von uns entfernt war. Der CPA war nun bei 0,2 Sm (auch nicht wirklich toll) und TCPA bei 5 Minuten. Doch glücklicherweise sah ich, dass er mittlerweile leicht seinen Kurs geändert hatte und wenn wir auch nochmal etwas anluven (dichter an den Wind fahren) würden, sollte er hinter uns vorbei kommen. Und so war es dann auch. Fünf Minuten später passierte er uns in ca. 800m Entfernung! So etwas ist wirklich typisch: wir und der Frachter waren die einzigen Schiffe, die im Kanal unterwegs waren und mussten natürlich mitten im Regenschauer fast auf Kollisionskurs sein!

Der Rest der Fahrt war zwar weiterhin ziemlich durchwachsen, weil uns noch zwei Regenschauer trafen, aber diese waren glücklicherweise nicht ganz so heftig wie der erste und hinter Dominika lachte uns dann auch wieder die Sonne.

So kamen wir um 16:30 Uhr in Roseau an, wo wir von einem der Boatboys an einer Boje festgemacht wurden. Hier konnten wir uns zum ersten Mal einen Eindruck von der Zerstörung von Hurrikan Maria im vergangenen September machen. Die Aufbauarbeiten scheinen ganz gut voran zu gehen und ziemlich viele Gebäude haben neue Dächer bekommen. Aber man sieht auch noch einige fast vollkommen eingestürzte Häuser, die ganzen Bootsstege hier in der Bucht fehlen und es gibt noch einiges zu tun. Die Natur hat sich wohl am besten erholt, denn was wohl vor einigen Monaten noch kahl und braun war, ist jetzt schon wieder saftig grün und sprießt. Wenn wir Menschen uns nur auch so schnell von solchen Naturgewalten erholen könnten!

Alljährliche Fahrt in den Süden – Tag 1

Am Montag traten wir von der Nonsuch Bay in Antigua um 5 Uhr morgens unseren alljährlichen Weg Richtung Süden an. Zuerst hatten wir geplant, direkt von hier nach Martinique zu segeln, und zwar an der Ostseite der ganzen Inseln entlang. Doch leider ließ das Wetter dies nicht zu und so segelten wir, wie immer, nach Basseterre in Guadeloupe. Eigentlich sollte es ein recht angenehmer Törn werden, weil wir dieses Mal einen besseren Winkel hatten, doch leider hatten wir mit enorm viel Seetang zu kämpfen. Ständig mussten wir größeren Feldern ausweichen und sammelten dennoch so viel Sargassum Weed auf, dass mehrmals unser Ruder blockierte und wir in den Wind schießen mussten, um den ganzen Seetang wieder los zu werden. 

Und auf halbem Weg durch den Kanal spielte uns der Seetang dann noch einen anderen Streich. Wir kamen auf ein riesiges Feld zu, dem wir unmöglich ausweichen konnten, und so hieß es „Augen zu und durch“. Doch so einfach sollte es uns nicht gemacht werden. Kaum waren wir durch das Sargassum durch, als wir auch schon langsamer wurden. Zuerst dachten wir, wir hätten uns wieder jede Menge Seetang eingefangen, doch dann entdeckten wir, dass es diesmal schlimmer war. Mitten in dem Seetang-Feld musste wohl eine Leine einer Fischerboje geschwommen sein, die sich nun um unser Ruder gelegt hatte. Wir wurden immer langsamer und unsere Ruder ließen sich nicht mehr bewegen. Ach herrje, was nun? Da wir auf keinen Fall den Motor anschalten wollten, damit wir die Leine nicht auch noch in einen unserer Propeller bekommen, blieb nur eine Möglichkeit: Kai musste ins Wasser und sich die Sache von dort ansehen. Also zog er sich schnell aus, machte eine unserer Dingi-Leinen los, band sich diese um den Bauch, zog die Schnorchelbrille an und ging auf Tauchstation. Unter Wasser sah er, dass die Leine nicht nur um unser Backbord-Ruder, sondern auch um unser Steuerbord-Ruder ging, aber es sah so aus, als ob sie sich nirgendwo verwickelt hatte, sondern nur einmal vorne an unseren Rudern vorbei ging. Also versuchten wir nochmals die Ruder zu bewegen, was bei der geringeren Geschwindigkeit nun ging. Jetzt konnten wir in den Wind drehen, um zum Stillstand zu kommen. Sogleich löste sich die Leine von unserem Steuerbord-Ruder und dann auch von unserem Backbord-Ruder. Dann konnten wir wieder zurück auf Kurs gehen und erneut Fahrt aufnehmen. Puh, welche Aufregung!

Glücklicherweise brachten wir den Rest des Kanals ohne weitere negative Ereignisse hinter uns und kurz vor Guadeloupe war urplötzlich auch überhaupt kein Seetang mehr zu sehen. Da dies ein gutes Gebiet zum Fischen ist, warfen wir sofort unsere Angelleine aus und mussten keine fünf Minuten warten, bis einen Fisch anbiss. Es war eine wunderschöne ca. 75 cm lange Dorade, die Kai nach einem längeren Kampf an Bord zog. Welch tolles Abendessen!

Gegen 17 Uhr kamen wir nach 72 Seemeilen in Basseterre an und nachdem wir geankert hatten, schaute sich Kai dann nochmal genauer unsere Ruder an. Leider hatte die Leine im Backbord-Ruder eine tiefe Kerbe hinterlassen, die wir wohl bei unserem nächsten Werft-Aufenthalt reparieren müssen. Doch es hätte schlimmer kommen können und so waren wir froh, dass dies so glimpflich ausgegangen ist.

Und zum Abendessen gab es dann Doradenfilets an einer Butter-Zitronen-Petersilien-Soße mit Salzkartoffeln und Zuckerschoten. Welch ein Festschmaus!