Der ganz normale Wahnsinn

Unsere Fahrt nach Süden war bisher einigermaßen unspektakulär. Ich würde sagen, es war mal wieder einfach nur der ganz normale Wahnsinn.

Wir starteten Dienstag vor einer Woche bei Sonnenaufgang in Falmouth, Antigua mit ca. 20-25 Knoten Wind und recht hohen Wellen. Eigentlich ist das nicht unser Lieblingssegelwetter, aber da eine Tropische Welle nach der nächsten bei uns ankam, musste man halt einfach irgendwann mal los. So segelten wir ca. eine Stunde mit ziemlich steilen Wellen von der Seite, als eine Welle genau neben unserem Heck brach. Ich saß am Steuerstand und sah eine riesige Wand aus Wasser auf mich zukommen, duckte mich noch weg und rief „Achtung“, doch zu spät! Kai sagte, er sah nur noch, wie ich urplötzlich vom Wasser verschluckt wurde und dann traf die Wasserwand auch ihn. Wir waren beide von Kopf bis Fuß und von Jacke bis Unterhose klatschnass! Na, das fing ja toll an. In unserem Cockpit stand ca. 20cm hoch das Wasser und es dauerte eine ganze Weile bis es abgelaufen war. Das war uns in dem Ausmaß noch nie passiert!

So zogen wir also unsere nassen Klamotten aus, warfen sie in einen Eimer und zogen frische Kleidung an. Als wir um ca. 12:30 Uhr den Kanal durchquert hatten und es hinter Guadeloupe mit dem Seegang und Wind etwas besser wurde, wusch ich gleich unsere ganzen salzigen Klamotten aus und hängte sie zum Trocknen auf. Echt super, wenn man nun auch noch an den Segeltagen waschen muss, aber ich konnte die nassen salzigen Sachen ja schlecht tagelang in einem Eimer vor sich hin modern lassen.

Am nächsten Tag ging es dann morgens um 7 Uhr weiter nach Dominika. Der Wetterbericht sagte ca. 20 Knoten voraus, d.h. wir wären normalerweise mit dem 1. Reff im Segel gefahren, doch da es im Kanal zwischen Guadeloupe und Les Saintes immer bläst wie verrückt, gingen wir sicherheitshalber mal ins 2. Reff. Und das war auch mal wieder gut so! Hinter Guadeloupe hatten wir ca. 15 Knoten, dann streckten wir die Nasenspitze in den Kanal und „Bamm“ von einer Sekunde auf die andere hatten wir 33 Knoten auf unserer Anzeige stehen. Gut, dass wir mal wieder so vorsichtig waren!

Der Rest der Fahrt verlief dann jedoch recht unspektakulär. Es zogen zwar ab und an ein paar Regenschauer an uns vorbei, doch keiner traf uns. Normalerweise segelten wir immer nach Rosseau, wo wir für die Nacht an einer Boje festmachten. Doch dieses Mal hatte Kai im Revierführer gelesen, dass es kurz vor Rosseau noch eine kleine Ankerbucht gibt, in der man vor einem Sandstrand ankern kann. Da wir immer offen für Neues sind, wollten wir das mal ausprobieren. Zumal wir uns dadurch auch die €13,- für die Boje sparen konnten.

Die Bucht sah zwar nicht so richtig einladend aus, weil auf der einen Seite ein Schrottplatz und auf der anderen Seite ein Zementwerk war, aber wir wollten ja nur für eine Nacht bleiben. Das sollte schon passen. Und tatsächlich kehrte ab 18 Uhr wunderbare Ruhe ein und wir genossen die schöne Industrieromantik.

Am nächsten Tag ging es dann erneut um 7 Uhr los. Dieses Mal von Dominica nach Martinique. Auch hier war die Fahrt in den Kanal wieder wie erwartet. Von einer Sekunde auf die andere ging es von 16 auf 28 Knoten, doch das konnte uns ja mittlerweile nicht mehr erschrecken. Es klappte alles wunderbar, wir hatten im Kanal weniger Wind als an den Vortagen und konnten gemütlich im 1. Reff dahinsegeln.

Hinter Martinique mussten wir ein Stückchen motoren, doch dann nahte auch schon die Rade-de-Fort-de-France (eine riesige Bucht, in der auch die Hauptstadt Fort-de-France liegt), wo wir wieder segeln konnten. Aus Erfahrung wussten wir, dass es hier auch immer ordentlich bläst, doch da wir im 1. Reff waren, was gut bis zu 28 Knoten ist, waren wir ganz beruhigt.

Wir hatten zwischen 12-14 Knoten auf der Anzeige, als wir, ganz kurz vor der Einfahrt in den Kanal, ein paar schwarze Wolken hinter den Bergen hervorspitzeln sahen. Sollte da ausgerechnet jetzt ein Regenschauer auf uns zukommen? Ja, natürlich, dem war so! Mal wieder von einer Sekunde auf die andere, ging unsere Anzeige von 14 Knoten auf 33 Knoten hoch. Kai rief nur noch „Abfallen, abfallen, abfallen!“ und rannte an die Schoten, um die Segel mehr zu öffnen. Ich lenkte das Boot so weit ich konnte nach Lee (also vom Wind weg) und wir schossen mit immer höherer Geschwindigkeit dahin. Mir wurde Angst und Bange, als der Wind einfach nicht nachließ und wir immer schneller wurden. Das erste Reff ist eigentlich nur bis 28 Knoten ausgelegt und wir kennen genug Segler, denen genau bei solchen Gelegenheiten der Mast umgekracht war. Wir hatten ganz schön Muffensausen und ihr könnt euch sicher unsere Erleichterung vorstellen, als der Schauer endlich über uns hinweggezogen war und sich der Wind wieder normalisierte. So plötzlich wie er gekommen war, war er auch wieder vorbei. Es strahlte erneut die Sonne und wir fuhren gemütlich dahin. Puh, welch ein Schreck! Wir waren ganz schön froh, als wir um 17 Uhr unseren Anker vor dem schönen Sandstrand von Grande Anse eingruben. Nun hatten wir es fast geschafft!

Am nächsten Morgen ging es dann auf zu unserem gewohnten Zwischenstopp in Ste. Anne und Le Marin. Da ziemlich viele Regenschauer angekündigt waren, beschlossen wir dieses Mal nicht zu segeln, sondern ganz früh morgens, wenn noch nicht viel Wind herrscht, geschwind die 2,5 Stunden zu Motoren. So standen wir also mit dem ersten Sonnenstrahl um 5:15 Uhr auf und es ging los.

Die ersten fünf Meilen klappte alles super, doch dann setzte um ca. 6:30 Uhr plötzlich der Wind ein. Was sollte das denn jetzt? Bisher war es hier immer so gewesen, dass der Wind erst so ca. um 8:30-9:00 Uhr loslegte. Warum war das ausgerechnet heute anders? Da könnte man manchmal wirklich auf der Sau davon reiten! Da der Wind natürlich fast direkt von vorne kam, bremste er unsere Fahrt um ca. 1,5 Knoten. So zog Kai also doch schweren Herzens zumindest das Großsegel hoch, damit wir motorsegeln konnten und wieder etwas besser voran kamen.

Um 8:30 Uhr kamen wir in Ste. Anne an und waren heilfroh, dass wir unsere erste größere Etappe nach Süden geschafft hatten. Kai fuhr direkt mit dem Dingi zum Bäcker, um uns ein schönes frisches Baguette zu kaufen und wir hatten ein gemütliches Frühstück. Das hatten wir uns jetzt echt verdient!

Alljährliche Fahrt in den Süden – Tag 3

Eigentlich wollten wir am 3. Tag so gegen 7:30 Uhr von Dominica aufbrechen, doch das Wetter machte uns einen Strich durch die Rechnung. Da wir jedoch lediglich ca. 53 Seemeilen vor uns hatten, waren wir nicht so sehr in Eile. So frühstückten wir noch in Ruhe ein paar Muffins und danach warfen wir die Leinen los. Besser gesagt wir wollten die Leinen loswerfen, doch eine unserer Leinen bekam beim Herausziehen einen Knoten und blieb an der Boje hängen. So mussten wir die andere Leine nochmals durchziehen und festmachen, konnten uns dann vom Knoten befreien und nun ablegen. Also es passieren einem doch immer wieder komische Dinge!

Das Wetter war zwar immer noch nicht optimal und es zogen einige Regenschauer durch den Kanal, doch wir hatten Glück und blieben die meiste Zeit recht trocken. Allerdings hatten wir auch an diesem Tag recht viel Wind. Die angekündigten 15-17 Knoten sahen wir nie, meist waren es über 22 Knoten. Eigentlich hätten wir ganz gut voran kommen müssen, doch teilweise hatten wir eine Gegenströmung von 1,5-2 Knoten, so dass wir nur mit 7 Knoten fuhren (obwohl wir durchs Wasser 9 Knoten machten). Das war echt frustrierend!

Und auch dieses Mal mussten wir manchmal wieder Slalom fahren, um riesigen Feldern von Seegras auszuweichen. Und ab und an gab es auch kein Ausweichen und wir mussten mittendurch. So schlimm wie auf dieser Fahrt nach Süden hatten wir das wahrlich noch nie erlebt.

Doch im Windschatten von Martinique wurde es dann besser und mit dem Wind, der um den Mont Pélé herumpfeift, nahmen wir auf dem glatten Wasser schön Fahrt auf. Dann mussten wir ein kleines Stück motoren, bevor es aus dem Kanal, der nach Fort-de-France führt, wieder mit 25 Knoten herausblies. Und dann hatten wir es auch schon geschafft und durften unseren Anker im weichen Sand der Bucht Grand Anse versenken.

Zum Abendessen gab es nochmals leckere Dorade, dieses Mal à la Bordelaise. Und dann fielen wir auch schon todmüde ins Bett und freuten uns darauf, dass wir am nächsten Tag nur noch eine kleine Etappe nach St. Anne vor uns hatten und somit ausschlafen konnten.

Doch da hatten wir uns zu früh gefreut, denn ca. um 1 Uhr nachts wachten wir durch ein lautes schleifendes Geräusch auf. Es klang als ob unsere Ankerkette über Felsen gezogen würde, doch da wo wir geankert hatten, gab es überhaupt keine Felsen. Was war denn da los? Wir gingen nach draußen, doch leider war es stockdunkel und wir konnten überhaupt nichts sehen. So legten wir uns wieder ins Bett und hofften, dass das Geräusch nicht wieder auftauchen würde. Doch natürlich schleifte es munter weiter und bei dem Krach konnten wir unmöglich schlafen.

Also holte Kai unseren großen Scheinwerfer und damit entdeckten wir, dass ein ganzes Stück unter Wasser etwas schwamm, das aussah wie eine Boje. Das konnte doch nicht wahr sein, da hatte sich unsere Ankerkette doch tatsächlich als der Wind drehte um die Kette einer Boje verhakt und nun schabten die beiden Ketten aneinander. Das konnten wir so natürlich nicht lassen und so warfen wir unsere Motoren an und fuhren nach vorne, um unsere Ankerkette zu befreien. Das war leichter gesagt als getan, doch nach etwas hin- und herfahren, schafften wir es irgendwann und holten dann etwas Kette hoch, damit uns das nicht noch einmal passierte.

An Schlaf war jetzt erst einmal nicht mehr zu denken und so lasen wir beide ein Stündchen, bis wir endlich wieder müde genug waren, um einzuschlafen.

Am nächsten Morgen schnorchelte Kai, um sich anzuschauen, was da im Wasser war und tatsächlich war es ein Betonblock mit einer Boje dran, die ca. 2,5m unter Wasser schwamm. Was sollte denn das bitte schön sein? Eine Boje für U-Boote?

Aber es war natürlich auch typisch, dass uns das ausgerechnet dann passierte, wenn wir ausnahmsweise mal nach dem Ankermanöver nicht unseren Anker abgeschnorchelt hatten. Normalerweise macht Kai das immer, doch dieses Mal waren wir beide schon zum „Duschen“ im Wasser, als Kai einfiel, dass er seine Schnorchelmaske vergessen hatte. Und da keiner von uns beiden Lust hatte, so nass an Bord zu gehen und diese rauszukramen, beschlossen wir, dass das alles schon passt. Denn wir hatten hier ja schon des öfteren geankert und wussten, dass der Untergrund gut ist. Für nachts war nicht viel Wind vorhergesagt und wir wollten ja ohnehin nur eine Nacht bleiben. Aber diese Nachlässigkeit wurde dann natürlich gleich bestraft!

Alljährliche Fahrt in den Süden – Tag 2

Am zweiten Tag ging es weiter von Basseterre in Guadeloupe an Les Saintes vorbei nach Roseau in Dominika. Dieses Mal mussten wir nicht ganz so früh aufbrechen, weil wir lediglich eine Strecke von 48 Seemeilen vor uns hatten. Doch diese Strecke hat es meistens in sich, weil es in den Kanälen zwischen Guadeloupe, Les Saintes und Dominica oft bläst wie verrückt.

Und auch dieses Mal sollte dies keine gemütliche Überfahrt werden. Bereits von unserem Ankerplatz aus sahen wir, dass ein Regenschauer nach dem nächsten durch den Kanal zog. Deshalb warteten wir noch etwas ab, doch es wurde einfach nicht besser. Da der Wetterbericht vorhergesagt hatte, dass sich das schlechte Wetter so ziemlich auf diesen ersten Kanal nach Les Saintes begrenzte, gingen wir gegen 8:15 Uhr Anker auf und fuhren mit beiden Segeln im ersten Reff los.

Zuerst sah alles noch ganz gut aus, doch je näher wir der Mitte des Kanals kamen, umso näher rückte auch ein Regenschauer aus Osten und ein Frachtschiff aus Westen. Dass der Schauer uns trifft war sicher und auch das Frachtschiff hielt munter auf uns zu. So schaute ich im AIS (ein System, das in unser Funkgerät integriert ist und uns Daten von anderen Schiffen anzeigt) nach, welchen Kurs der Frachter fährt, wie der CPA (closest point of approach) und TCPA (time to closest point of approach) ist. Och nein, das sah nicht gut aus: der CPA war 0,1 Seemeilen und TCPA ca. 10 Minuten. Das bedeutete, der Frachter würde, wenn wir beide weiterhin unseren Kurs beibehalten würden, in 10 Minuten ca. 180m vor oder hinter uns passieren. Das wäre verdammt nahe, zumal ja von der anderen Seite auch noch der Regenschauer auf uns zukam. Wir beschlossen, erst mal abzuwarten und zu schauen, wie alles auskommt. 

Und da kam auch schon der Schauer und traf uns mit voller Wucht. Es fing an zu regnen und der Wind ging immer weiter hoch: 24 Knoten, 26, 27, 28, 30 und schließlich 32,5 Knoten. Kai fiel ab (steuerte vom Wind weg), während ich unsere Segel etwas fierte und wir rauschten mit fast 9 Knoten dahin. Der Frachter war erstmal vergessen, weil wir mit unserem Boot und den Segeln genug beschäftigt waren. Als der Spuk vorbei war, hielt ich sofort wieder nach dem Frachter Ausschau, doch dieser war inmitten des Regenschauers verschwunden. Da waren wir ganz schön froh um unser AIS, auf dem wir weiterhin sehen konnten, wo er sich befand und wie weit er noch von uns entfernt war. Der CPA war nun bei 0,2 Sm (auch nicht wirklich toll) und TCPA bei 5 Minuten. Doch glücklicherweise sah ich, dass er mittlerweile leicht seinen Kurs geändert hatte und wenn wir auch nochmal etwas anluven (dichter an den Wind fahren) würden, sollte er hinter uns vorbei kommen. Und so war es dann auch. Fünf Minuten später passierte er uns in ca. 800m Entfernung! So etwas ist wirklich typisch: wir und der Frachter waren die einzigen Schiffe, die im Kanal unterwegs waren und mussten natürlich mitten im Regenschauer fast auf Kollisionskurs sein!

Der Rest der Fahrt war zwar weiterhin ziemlich durchwachsen, weil uns noch zwei Regenschauer trafen, aber diese waren glücklicherweise nicht ganz so heftig wie der erste und hinter Dominika lachte uns dann auch wieder die Sonne.

So kamen wir um 16:30 Uhr in Roseau an, wo wir von einem der Boatboys an einer Boje festgemacht wurden. Hier konnten wir uns zum ersten Mal einen Eindruck von der Zerstörung von Hurrikan Maria im vergangenen September machen. Die Aufbauarbeiten scheinen ganz gut voran zu gehen und ziemlich viele Gebäude haben neue Dächer bekommen. Aber man sieht auch noch einige fast vollkommen eingestürzte Häuser, die ganzen Bootsstege hier in der Bucht fehlen und es gibt noch einiges zu tun. Die Natur hat sich wohl am besten erholt, denn was wohl vor einigen Monaten noch kahl und braun war, ist jetzt schon wieder saftig grün und sprießt. Wenn wir Menschen uns nur auch so schnell von solchen Naturgewalten erholen könnten!