Wie ein Eremit auf seiner Berghütte…

…komme ich mir manchmal auf unserer Silence vor. Fünf Wochen waren wir im North Sound und in dieser ganzen Zeit trafen wir einmal für ca. 10 Minuten einen anderen Menschen. Ansonsten war da nur das Meer, die Vögel, die Meeresbewohner und wir.

Gut, dass wir einige Reparaturprojekte hatten mit denen wir uns die Zeit vertreiben konnten. Und an Tagen mit Wind kiteten wir, an Tagen ohne Wind schnorchelten wir oder vertraten uns die Beine bei einem kleinen Spaziergang über die winzigen vorgelagerten Inseln. Das war so friedlich!

Aber nach fünf Wochen war es mir dann doch etwas zu friedlich und ich musste unbedingt mal wieder ein paar andere Menschen sehen. Ich freute mich riesig auf unsere Fahrt zum Einkaufen. An frischen Sachen hatten wir nur noch einen kleinen Kopf Rotkohl und vier Kartoffeln. Es war also höchste Zeit mal wieder eine Proviantierungsfahrt zu machen.

Da es mit dem Dingi und Bus fast genauso lange gedauert hätte, beschlossen wir, wieder mit unserer Silence in die Hauptstadt nach St. John’s zu fahren. Wir hatten uns den perfekten Tag hierfür ausgesucht, denn es war bewölkt und ab und an zog ein Schauer an uns vorbei. Bei solch einem Wetter hätten wir weder Bootsreparaturen durchführen, noch kiten, schnorcheln oder spazieren gehen wollen. 

In St. John’s angekommen, kauften wir wieder frisches Obst und Gemüse auf dem Markt und danach gingen wir zu Fuß zum Großeinkauf zum nahegelegenen Supermarkt. Leider stellte sich nach dem Einkauf heraus, dass das Wetter doch nicht so perfekt zum Einkaufen war. Denn als wir mit unseren ganzen Tüten zurück zum Dingi wollten, schüttete es wie aus Eimern. So warteten wir im Supermarkt bis der Regen nachließe. Aber er ließ nicht nach. Zwischenzeitlich kauften wir uns noch ein Schokoladeneis (vielen Dank an Charly für diese Spende!), um die Wartezeit zu überbrücken, aber nach 45 Minuten regnete es immer noch und weit und breit war der Himmel grau in grau.

Da könnten wir wahrscheinlich bis zum Sanktnimmerleinstag warten. Es hilft nichts, wir müssen im Regen zurück. Mittlerweile nieselte es immerhin nur noch, so dass wir und unsere Einkäufe nur mittelmäßig nass wurden. Doch als wir gerade ins Dingi steigen wollten, fing es wieder an zu schütten. Schnell die Einkäufe wieder raus und unterstellen. Es regnete 10 Minuten lang richtig heftig, dann ließ es wieder etwas nach.

Jetzt geschwind zurück zum Boot! Als wir an unserer Silence ankamen, waren wir völlig durchnässt. Aber das wäre ja nicht so schlimm gewesen. Das Doofe war, dass auch unsere ganzen Einkäufe triefend nass waren und so mussten wir alles erst einmal trocknen lassen, bevor wir es wegräumen konnten. Und ihr werdet es nicht glauben, 15 Minuten nachdem wir zurück auf dem Boot waren, hörte der Regen auf und die Sonne kam raus. Typisch!

Dieses Mal übernachteten wir in St. John’s, weil wir am nächsten Tag noch einiges zu erledigen hatten. Wir mussten unseren großen Müllsack mit dem Müll der letzten fünf Wochen wegbringen, unsere Cruising Permit verlängern, am Geldautomat Geld abheben und noch zu zwei anderen Supermärkten in den Außenbezirken von St. John’s.

Gleich morgens um 7:45 Uhr gingen wir los, weil es da noch nicht ganz so heiß war. Es würde zwar auch ein Bus zu den Supermärkten fahren, aber zur Busstation müssten wir ca. 10 Minuten gehen und der Bus fährt nur alle halbe Stunde. Da es lediglich ein Fußmarsch von ca. 35 Minuten war, machten wir etwas Frühsport und gingen zu Fuß. 

Wir hatten bei dem Supermarkt in der Stadt ein paar Dinge nicht bekommen, die wir nun gerne in den anderen Supermärkten noch kaufen wollten. Doch wie immer hatten wir nicht mit allem Glück. Unsere Lieblings-Rosinen-Zimt-Brötchen gab es glücklicherweise und auch Salat, Zucchini, Spinat, Müsli und Haferflocken bekamen wir. Aber dafür gab es leider keine Würstchen oder Chicken McNuggets, 250ml Sahnepackungen, Fetakäse und vernünftige Tampons. Na ja, das war zwar enttäuschend, aber wir sind es ja mittlerweile gewöhnt, dass es jedes Mal etwas anderes nicht gibt.

Dennoch war der Einkauf erfolgreich und wir hatten unsere Vorräte für die nächsten vier Wochen aufgefüllt. Jetzt konnte es zurück gehen in den North Sound.

Vulkanausbruch in St. Vincent

Schon seit drei Monaten hatte der Vulkan La Soufrière (1.220m hoch) im Norden St. Vincents verstärkte Aktivitäten gezeigt. Vergangene Woche wurden die Anzeichen für einen nahenden Ausbruch deutlicher und so begann die Regierung am Donnerstag die Evakuierung von 16.000 Menschen aus den extrem gefährdeten Gebieten. 

Die Leute fanden fürs erste Unterschlupf bei Bekannten und in Notunterkünften der Regierung im Süden der Insel. Später sollen sie auf Kreuzfahrtschiffen und benachbarten Inseln aufgenommen werden. Auch Antigua wird 400 Flüchtlinge aufnehmen.

Und die Evakuierung war keinesfalls verfrüht. Denn am Freitag vormittag gegen 8:40 Uhr brach der Vulkan aus und schoss eine fast 10km hohe Aschewolke in den Himmel. Es folgten zwei weitere Eruptionen an diesem Tag. Seitdem gab es im Abstand von 2-3 Stunden immer wieder Erschütterungen, die jeweils ca. 20 Minuten dauerten und weitere Asche in den Himmel schossen.

Am Samstag war ganz St. Vincent mit Asche bedeckt. Die Wasserversorgung war unterbrochen und in einigen Teilen der Insel wurde der Tag durch die dicken Aschewolken zur Nacht. Tausende von Menschen verloren ihre Häuser und werden sich woanders ansiedeln müssen. 

Die Asche zog in den höheren Luftschichten nach Osten und erreichte am Samstag die Insel Barbados, die daraufhin ihren kompletten Flugverkehr einstellen musste. In den niedrigeren Luftschichten breitete sich die Asche im Norden bis St. Lucia und im Süden bis nach Grenada aus. Eine Freundin von uns musste gestern zentimeterhohe Ascheberge von ihrer Terasse in Carriacou kehren. Welch ein Glück, dass wir gerade so weit im Norden sind. 

Heute Morgen um 4:15 Uhr gab es einen erneuten Ausbruch. Dieser Ausbruch war extrem stark und es schoss wieder Asche und Geröll an den Hängen hinunter. Der vorherige Dom brach ein und es entstand ein neuer Schlot. 

Bei La Soufrière handelt es sich um einen Schichtvulkan. Bei dieser Art von Vulkanen fließt nicht viel Lava an den Hängen hinunter, weil die Lava im Innern nicht so heiß ist. Es gibt nur einen sehr zähen Strom, der meist schnell abkühlt. Das gefährliche an den Schichtvulkanen ist, dass sie sehr viel Gase ausstoßen, die heftige Explosionen erzeugen. Bei diesen Explosionen werden Asche und Geröll herausgeschleudert, was z.B. in St. Vincent mit einer Geschwindigkeit von rund 190 km/h die Hänge hinunter schießt. Durch den Ausbruch solch eines Schichtvulkans wurde damals auch die Stadt Pompeji zerstört.

Wie lange die Ausbrüche andauern werden ist momentan ungewiss. Zuletzt war La Soufrière im Jahr 1979 ausgebrochen. Davor in den Jahren 1902, 1814, 1812 und 1718.

Probleme mit der Windanzeige

Mittlerweile hatten wir fast alle Ersatzteile, die wir in den USA bestellt hatten, verbaut. Lediglich zwei Dinge warteten noch auf ihren Einbau: das neue Ankerlicht und die neue Basisstation für unsere Windfahne.

Die Windfahne hatte uns schon allerlei Zeit und Nerven gekostet. Wer unseren Blog regelmäßig liest, erinnert sich sicherlich daran, dass wir nach dem Werftbesuch in Carriacou Probleme mit unserer Windfahne hatten. Damals hatten wir durch einen glücklichen Zufall für einen anderen Segler dessen neue Windfahne auf dem Mast seines Katamarans installiert und dafür seine alte samt Instrument geschenkt bekommen. So hatten wir dann seine Windfahne auf unseren Mast gebaut, was erst einmal funktionierte. Doch dann stellten wir fest, dass sich die neue Fahne schneller drehte und unser Instrument deshalb zuviel Wind anzeigte. Da das in unserem Instrument nicht ausreichend verstellbar war, bauten wir somit auch das andere Instrument ein. Jetzt funktionierte alles, doch leider nur bis wir von Carriacou nach Antigua segelten. Auf diesem Trip fiel sowohl die Windstärke wie auch die Windrichtung aus. An der Windfahne konnte es ja nicht liegen, am Gerät auch nicht, also musste es am Kabel liegen. Kai maß das Kabel mit seinem Voltmeter durch. Sah alles gut aus. Aber was sollte es denn sonst sein. Hoch in den Mast, Windfahne abgenommen und wieder runter. Die Windfahne hier direkt ans Instrument angeschlossen. Funktioniert! Die Windfahne ans Kabel angeschlossen, dass von meinem Konservenschapp zum Instrument führt. Funktioniert leider auch! Es musste also das Kabel sein, dass vom Konservenschapp in den Mast führt. Also ging Kai wieder hoch in den Mast, schloss die Windfahne dort wieder an. Funktionierte nicht! So versuchte Kai das Kabel aus der Basistation zu entfernen. Ging nicht, das Kabel war in der Basistation verklebt. Also musste die ganze Basistation inklusive Kabel runter. Kai versuchte die Station von der Montageplatte abzuschrauben. Ging nicht. Die Schrauben saßen fest. Also gut, dann muss halt die ganze Montageplatte vom Mast abgeschraubt werden. Ging auch nicht, denn auch diese Schrauben saßen fest. Erst einmal wieder runter vom Mast und eine Runde Verzweifeln. Kann denn nicht einfach mal etwas so funktionieren wie man es sich vorstellt?

Dann wieder hoch in den Mast, dieses Mal bewaffnet mit harzfreiem Fahrradöl. Kai tropfte immer wieder etwas Öl auf die Schrauben, ließ es einwirken und versuchte wieder sie zu bewegen. Bei der Basisstation hatte er keine Chance, aber bei der Montageplatte lösten sich die Schrauben nach ca. einer halben Stunde langsam. Dann endlich konnte er die Montageplatte samt Basistation für den Wind und das Ankerlicht abschrauben. Das Kabel für das Ankerlicht konnte man glücklicherweise abnehmen, aber Basistation und Kabel für unsere Windfahne bekam Kai nicht auseinander. Das hieß, dass wir das gesamte Kabel oben aus dem Mast heraus ziehen müssen. 

Also kam Kai erst einmal wieder runter und fädelte unten mit mir zusammen eine unserer alten Kitelinen an das Kabel dran. Dann wieder hoch in den Mast und das Kabel langsam rausziehen. Das war leichter gesagt als getan, denn das Kabel blieb immer mal wieder hängen. Doch irgendwann hatten wir es endlich geschafft und Kai konnte die Montageplatte mit allen Teilen herunter bringen. 

Tja tatsächlich, das Kabel war komplett mit Sikaflex o.ä. in die Basisstation eingeklebt und man konnte diese auch nirgends öffnen. Also nix mit reparieren, da muss eine neue Basistation inklusive Kabel her. Und da wir dieses Ersatzteil hier nicht bekamen, war dies der ausschlaggebende Grund für unsere Ersatzteilbestellung in den USA. 

Nachdem wir die Montageplatte inklusive Ankerlicht nun hier liegen hatten, sahen wir, dass unser Ankerlicht auch schon bessere Tage gesehen hatte und schon halb zerbröselt war. Und so bestellten wir auch gleich noch ein neues Ankerlicht. 

Und diese beiden Teile galt es nun wieder zu installieren. Das Ankerlicht war kein Problem. Altes abgeschraubt, neues angeschraubt, Steckverbindungen erneuert und das Licht funktionierte. Doch nun mussten wir das Kabel für die neue Basisstation in den Mast einziehen und das sollte uns fast zum Verzweifeln bringen.

Kai ging mit der Basisstation und dem Kabel hoch in den Mast und machte dort das Ende des Kabels an unserer Kiteline fest. Dann zog ich unten im Salon am Mastfuß an der Leine und das Kabel wanderte langsam in den Mast. Ca. 20 cm waren drin und dann stoppte es. Es ging nicht mehr weiter. Ich zog und zog. Nichts! Es rührte sich keinen Zentimeter. Kai hatte schon von oben gesehen, dass das alte Kabel innerhalb des Masts mit einem Kabelbinder mit anderen Kabeln zusammen gemacht gewesen war. Und nun hingen wir wohl an diesem Kabelbinder. Es war unmöglich das neue Kabel dort durch zu bekommen. Was nun? Kai kam erst einmal wieder runter vom Mast und es war erneut eine Runde Verzweifeln angesagt! Wie sollen wir denn nun das neue Kabel in den Mast bekommen. Wir können doch nicht für solch eine lächerliche Sache in die Werft gehen und den Mast legen. Abgesehen von den Kosten, wäre dies ein riesiger Aufwand. Wir müssten das Großsegel und die Genua abschlagen. Den Baum losschrauben, die ganzen Wanten entfernen und dann könnte man mit einem Kran den Mast legen. Der helle Wahnsinn, nur um ein Kabel einzuziehen. Nein, das muss anders gehen! Aber wie?

Wir schliefen eine Nacht drüber und dann fiel Kai zum Glück ein, dass im Mast auch noch ein Kabel für eine Radioantenne verlief, die wir noch nie benutzt hatten. Oh ja, das könnte klappen, denn dieses Kabel hatte in etwa denselben Durchmesser wie das Kabel für die Windfahne. Kai ging wieder hoch in den Mast und befestigte unser neues Kabel mit Gewebeband an dem Kabel der Radioantenne.

Ich zog unten und tatsächlich wanderte das Kabel oben in den Mast. Mit etwas Rütteln und Krauftaufwand bekamen wir es durch den Kabelbinder und wir jubelten. Doch leider blieb es dann etwas später hängen. Nein, bitte nicht! Das kann nicht wahr sein. Ich zog mit aller Gewalt, aber es ging nicht mehr weiter. Da musste wohl noch ein Kabelbinder sein. Also rüttelte Kai wieder oben am Kabel, während ich mit aller Kraft zog und schwupp ging es weiter. Juhuuu, es klappt! Doch da hatte ich mich zu früh gefreut. Ich hatte ca. 13m des alten Kabels aus dem Mastfuß heraus gezogen, als es erneut stockte. Kai konnte rütteln so viel er wollte und ich zog und zog, aber es bewegte sich keinen Millimeter. Ich sagte Kai, dass er runter kommen und ziehen müsse. Doch das ging nicht, weil Kai oben die Montageplatte samt Basisstation und Ankerlicht sowie die Kabeltrommel halten musste und nicht loslassen konnte. Was machen wir denn nun? Weit und breit war niemand, den wir um Hilfe hätten bitten können und so sah Kai als einzige Lösung, dass wir das Kabel oben wieder rausziehen. Ich war völlig verzweifelt. Nun hatten wir es nach einer Stunde Arbeit fast geschafft. Uns fehlten vielleicht noch zwei Meter und nun sollten wir aufgeben. Das kam für mich nicht in Frage!

Ich sagte Kai, er solle nochmal die ganze Zeit am Kabel rütteln, während ich erneut ziehen würde. Ich zog wie ein Ochse, doch es tat sich nichts. Ich wurde so wütend und verzweifelt, dass mir die Tränen über die Wangen liefen. Das konnte einfach nicht wahr sein. Ich stieß einen Urschrei aus und hängte mich mit meinem ganzen Gewicht an das blöde Kabel. Es gab einen Ruck, das Kabel gab nach, meine Hand knallte auf den Rahmen der Öffnung zum Mast und ich holte mir einen riesigen blauen Fleck und schürfte mir die Hand auf. Aber das war mir alles egal, denn wir hatten es geschafft: das Kabel war durchgefädelt! Unser Jubel war unbeschreiblich.

Jetzt konnte Kai die Montageplatte wieder festschrauben, ein paar schöne Fotos schießen und endlich wieder runter vom Mast kommen. Unten angekommen, gaben ihm erst einmal die Beine nach, die ihm von der unbequemen Haltung im Bootsmannsstuhl eingeschlafen waren. Aber nach ein paar Stretchübungen ging es dann wieder, obwohl ihm Rücken und Po noch einige Zeit weh taten.

Wir waren beide ganz schön lädiert, aber dennoch überglücklich, dass wir es geschafft hatten. Wir zogen das Kabel aus dem Mastfuß heraus, legten es quer über unseren Tisch und schlossen es mit großem Bangen am Instrument an. Bitte, bitte lass es funktionieren! Wir schalteten die Instrumente an und hatten wieder eine Windanzeige. Juhuuu, es hatte geklappt!

Nun mussten wir „nur“ noch das Kabel verlegen und richtig anschließen und dann wäre es geschafft. Also erst einmal das Kabel wieder durch den Schacht in den Mast rein, dann vorne aus unserem Ankerkasten raus. Von dort mussten wir es in mein Konservenschapp reinführen und dann weiter durch die anderen Schapps unter dem Salonboden durch und neben der Treppe im Backbordrumpf wieder raus.

Hier ging es dann weiter hinter der Halterung für unsere Instrumente am Kartentisch hoch hinter die Halterung für das Funkgerät.

Dann musste Kai draußen hinter dem Steuerrad das Kontrollpanel für unseren Steuerbord-Motor ausbauen. Durch dieses Loch konnte er das Kabel hoch ziehen bis zum Instrument für die Windanzeige. Dieses Instrument baute er ebenfalls aus und schloss das Kabel an. Dann konnte Kai alles wieder zuschrauben und das Projekt war beendet. Nach mehr als vier Monaten und unzähligen Aufenterungen ins Masttopp konnten wir endlich wieder unsere Windanzeige benutzen!