Kehrtwende

Genau einen Tag nach unserem Ausflug auf die Werft wurde die Ausgangsbeschränkung weiter gelockert. Jetzt dürfen wir das Haus zwischen 6 und 18 Uhr verlassen und auch die Supermärkte, Banken und einige andere Geschäfte haben wieder länger geöffnet. Welche Erleichterung!

Antigua hatte offiziell seit mehreren Wochen keine Neuerkrankungen von Covid-19 und die Anzahl der Toten beträgt weiterhin lediglich 3. 

Laut neuesten Presseberichten sollen deshalb ab nächsten Dienstag auch die Strände an Werktagen zwischen 6 und 18 Uhr wieder geöffnet werden. Und der Premierminister ließ verlauten, dass es eventuell ab Mitte Juni wieder Flüge von und nach Antigua geben könnte.

Wenn das mal nicht eine 180º Kehrtwende ist! Als die Ausgangssperre im März verhängt wurde und der Flughafen, alle Hotels, Restaurants und so gut wie alle Geschäfte schlossen, hatte er noch gesagt, dass sich die Bürger schon einmal darauf einstellen könnten, dass dies nun das normale Leben sei, bis es einen Impfstoff gegen Covid-19 gäbe. Wir waren damals völlig schockiert und dachten: „Das kann doch nicht sein Ernst sein!“ Wir stellten uns mental darauf ein, dass wir Antigua eventuell von einem auf den anderen Tag verlassen müssen, sobald es zu Aufständen und Plünderungen käme. Denn die Menschen hier leben so gut wie ausschließlich vom Tourismus. Und wenn mehr als ein Jahr lang keine Touristen ins Land gelassen werden und alle Hotels und Restaurants geschlossen haben, dann verdienen die Antiguaner kein Geld. Hier gibt es kein Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe. Wer nicht arbeitet, bekommt kein Gehalt und fertig! Von was sollen die Leute dann ihre Miete und Lebensmittel bezahlen? Es gibt unter normalen Umständen schon viele, die von der Hand in den Mund leben und immer nur so viel Geld haben, dass sie sich alle paar Tage die wichtigsten Lebensmittel kaufen können. Wie sollten diese Leute denn überleben? Uns war es bei solch einer Aussage Angst und Bange geworden. Aber da wir nicht leicht zur Panik neigen, sagten wir uns, dass wir erst einmal in aller Ruhe abwarten und schauen wie es weitergeht.

Und siehe da, jetzt, wo der Premierminister nach ein paar Wochen des Lockdown bereits nicht mehr seine Angestellten bezahlen kann, hört man ganz andere Worte. Nun sagt er, dass es für andere Länder ja vielleicht gut möglich sei, die Grenzen geschlossen zu halten bis ein Impfstoff da sei, für Antigua wäre das aber schlichtweg unmöglich. Man müsse die Insel so schnell wie möglich wieder für den Tourismus öffnen, denn dies sei die einzige Einnahmequelle. Ach ne, wirklich? Manchmal frage ich mich, wie man innerhalb von ein paar Wochen solch gegensätzliche Dinge in die Welt posaunen kann. Aber aus unserer Sicht ist das auf jeden Fall die vernünftigere Ansicht und wir sind guter Dinge, dass sich hier für die Einheimischen alles wieder etwas normalisieren wird.

Leider ist jedoch momentan immer noch jeder soziale Kontakt untersagt und so sind wir wirklich froh, hier zu zweit auf unserem Schiff zu sein und bemitleiden die armen Einhandsegler, die nun völlig von anderen Menschen abgeschnitten sind.

Unseren ganzen Freunden war die Ungewissheit, wie es bezüglich Flügen und Ein- und Ausreisen in andere Länder weitergeht, etwas zu unsicher geworden und so haben sich unsere schwedischen Freunde Lise & Johan entschlossen, so schnell wie möglich nach USA zu segeln, bevor dort irgendwelche Grenzen für Segler geschlossen werden. Unsere kanadischen Freunde Susan & Lee wollten eigentlich bis Ende Mai hier bei uns bleiben, nutzten aber jetzt die gebotene Chance mit Lise & Johan zumindest in die USA zu kommen. Sie brachten sofort ihr Boot auf die Werft und unsere britisch/amerikanischen Freunde Rosie & Peter luden ihr Schiff auf einen Frachter und fahren nun ebenfalls mit Lise & Johan in die USA. So sind wir gestern auf einen Schlag alle unsere Freunde losgeworden! Das war für uns ziemlich traurig, aber mit der momentanen Kontaktsperre durften wir sie ja sowieso nicht treffen. Ein Gutes hatte es aber noch: unsere Freunde ließen uns ihre gesamte Verpflegung da, weil sie vor der Abreise sowieso nochmals einkaufen gingen und frische Sachen besorgten. So bekamen wir vier große Taschen mit Lebensmitteln wie z.B. Kraut, Karotten, Zitronen, Kartoffeln, Lende, Hühnchenfilets, gefrorenes Gemüse, Käse, Salami, Butter, Mehl, Reis, Nudeln, …Unser Kühlschrank ist jetzt wieder prall gefüllt und somit müssen wir die nächsten Wochen immer noch nicht einkaufen gehen. Das machte uns den Abschied ein ganz klein bisschen leichter!

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