Auf nach Tobago

Von Martinique ging es für uns, wie im vergangenen Jahr, direkt weiter nach Tobago.

Auf diesem Törn war ich im letzten Jahr furchtbar seekrank geworden und mir bangte richtig davor. So hielt ich mich dieses Jahr ganz streng an die „Histamin-Diät“ und klebte mir noch zusätzlich ein Scopoderm-Pflaster gegen Seekrankheit hinters Ohr. Es ist wirklich unglaublich, wie toll diese Pflaster wirken!

Ich konnte mich ohne Probleme im Salon aufhalten und sogar für kurze Zeit unter Deck gehen. Ich konnte lesen, basteln, kochen und wir konnten uns die Zeit mit einem Kartenspiel vertreiben. Wie ist das herrlich, wenn man nicht die ganze Zeit stumpfsinnig aufs Wasser starren muss!

Insgesamt dauerte unser Törn 34 Stunden. Wir starteten in der Morgendämmerung in Ste. Anne und segelten um die Mittagszeit an der Ostküste von St. Lucia entlang. Am späten Nachmittag waren wir auf Höhe von St. Vincent und dann ging auch schon die Sonne unter. 

Wir aßen zu Abend (unser übliches Segelessen: Spaghetti Bolognese) und schauten danach noch eine Folge „Cold Case“. Kai übernahm die erste Nachtschicht von 21:00 bis 1:00 und ich legte mich ins Bett. Doch da unten bollerte und schaukelte es so sehr, dass ich so gut wie gar nicht schlafen konnte. Ich war fast schon froh, als ich Kai ablösen durfte und im Salon powernappen konnte. Hier war es wesentlich ruhiger. Alle 15 Minuten machte ich einen Kontrollgang und bewunderte dabei den Sternenhimmel. Ich sah so viele Sterne, dass ich kein einziges Sternbild mehr erkannte. Wo man hinschaute waren kleine leuchtende Punkte am Himmel. Wahnsinn!

Doch auch Kai war es in unserem Bett zu laut und so legte er sich im anderen Rumpf in die vordere Gästekabine. Da aber unsere Silence ganz schön gegen die Strömung und Wellen kämpfte, stampften wir heftig durchs Wasser und Kai wurde immer wieder schwerelos. So ließ es sich nicht schlafen. Also zog er in die Gästekabine im Heck um, legte sich gegen die Geräuschkulisse ein Kissen aufs Gesicht und schon schlief er wie ein Baby!

Als es draußen langsam hell wurde, erwachte er von selbst und ich legte mich nochmal im Salon für eine Stunde aufs Ohr.

Wir kamen recht gut voran, sahen aber mittlerweile rund um uns herum nur noch Meer. Bisher waren uns einzig vor St. Lucia mittags ein paar Fischer begegnet, seither hatten wir keine Menschenseele mehr gesehen und auch das AIS zeigte keinerlei Schiffe in einem 32-Meilen-Radius an. Wir waren mutterseelenalleine da draußen und nur ab und an besuchten uns ein paar Tölpel oder Möwen. Wo man hinschaut Wasser und Wellen und weit und breit kein Land in Sicht.

Seit Mitternacht hatten wir etwas schlechteres Wetter und es zogen immer mal wieder Regenschauer vor oder hinter uns vorbei. Doch wir hatten Glück und keiner traf uns.

Die Gegenströmung wurde etwas besser und schließlich entdeckten wir in der Ferne Tobago! Es ist jedes mal wieder schön, wenn man plötzlich sein Ziel vor Augen hat. Auch wenn es dann noch Stunden dauert, bis man endlich da ist. 

Die Schauer wurden etwas häufiger, der Wind ging mächtig hoch und runter und mal fuhren wir mit 8 Knoten, mal mit 4! Irgendwann erwischte uns dann ein richtig großer Schauer, wir flogen trotz Gegenströmung mit mehr als 8 Knoten dahin, doch danach war der Wind weg. Wir dümpelten erst mit 4 Knoten, dann mit 3,5 und schließlich nur noch mit 2,5 Knoten dahin. Nee, so wird das nichts! Und so schmissen wir die Motoren an, weil wir gerne noch im Hellen in Tobago ankommen wollten. 

Durch die Motorengeräusche lockten wir ein paar Delphine an, die uns in Tobago willkommen hießen und kurze Zeit mit uns dahinzogen. Kurz darauf fingen wir einen kleinen Thunfisch.

Um 15 Uhr liefen wir gleichzeitig mit einem riesigen Schauer in der Store Bay in Tobago ein. Wir wollten zuerst abwarten, bis der Schauer vorbeigezogen war, doch dieser nahm kein Ende. So zog ich mir schnell meinen Bikini an und wir ankerten im strömenden Regen. Geschafft! In 34 Stunden hatten wir eine Strecke von 200 Seemeilen zurückgelegt, waren also ungefähr von Heidelberg nach München gefahren. Ja, ja, segeln entschleunigt ungemein! 

Kein Glück in Le Marin

Kai hatte für unseren Aufenthalt in Ste. Anne und Le Marin ca. zwei Wochen eingeplant, doch dieses Mal waren wir wesentlich schneller.

Zuerst besuchten wir die Boutique in Ste. Anne, in der ich meinen Schmuck verkaufe. Die Eigentümerin Sylvie war leider in Urlaub und somit konnte ich nicht für die verkauften Sachen bezahlt werden. Aber immerhin war eine der Verkäuferinnen einverstanden, dass ich einige Sachen da lasse, so dass sie für die nächsten paar Monate genug Bestand an meinen Sachen haben.

Auch unsere Einkäufe in Martinique waren leider nicht so erfolgreich wie normalerweise. Wir brauchten z.B. drei neue Borddurchlässe inklusive Ventile, weil wir diese auf der Werft austauschen müssen. Diese sollten komplett aus Bronze sein und nicht wie bei uns bisher aus Bronze und Messing. Gleich beim zweiten Geschäft wurden wir fündig. Der Verkäufer versicherte uns mehrfach, dass alle Teile aus Bronze sind und so suchte Kai die ganzen Teile zusammen. Als der Verkäufer gerade dabei war, die Preise in die Kasse zu tippen, sah Kai plötzlich auf dem Ventil einen Aufkleber „Brass“, was auf deutsch Messing bedeutet. Na super, das Ventil war wohl doch nicht aus Bronze und somit konnten wir auch die anderen Teile nicht kaufen, weil diese auf den englischen Inseln andere Maße haben. Das war ja schon mal ein Reinfall. Wir schauten noch bei den anderen Schiffszubehörläden, fanden die benötigten Teile aber nirgends. 

Mit einem anderen Ersatzteil hatten wir auch zuerst kein Glück. Uns war am Baum die Halterung für den Block, durch den die Großschot läuft, gebrochen und wir brauchten dieses Teil dringend, um weiter segeln zu können. Doch leider hatten sie es nirgends vorrätig. Letztendlich bot uns der Rigger in Le Marin dann an, dass er das Teil für uns anfertigen lassen könne. Es sollte ca. €60,- kosten und am übernächsten Morgen fertig sein. Na, das klang doch gar nicht so schlecht! Es war dann tatsächlich auch am übernächsten Nachmittag fertig, kostete jedoch €75,-, war etwas mehr gebogen als das vorherige und das Loch war zu groß. Früher hätten wir uns riesig aufgeregt, nun zuckten wir nur mit den Schultern und freuten uns, dass es so gut geklappt hatte. 

Nach unseren Einkäufen bei Leader Price wollte ich dann noch zu Domia, ein Geschäft, das ungefähr so aussieht, wie die Haushaltsabteilung bei Ikea. Das ist das einzige Geschäft in der ganzen östlichen Karibik, das solch schöne Sachen hat und für mich ist es immer ein besonderes Schmankerl, wenn ich nach den blöden Bootszubehöreinkäufen dort ein bisschen stöbern kann.

Ich hatte auch einige Kleinigkeiten wie z.B. neue Toilettenbürsten, Topflappen, Teedosen, Geschirrkorb, … auf meiner Liste stehen und freute mich schon darauf, diese zu ersetzen. Doch welch Enttäuschung! Als wir bei dem Geschäft ankamen, war es geschlossen und draußen stand ein großes Schild, dass bis vor kurzem ein kompletter Räumungsverkauf stattfand. Mir standen die Tränen in den Augen! Das können die doch nicht machen: einfach so mein Lieblingsgeschäft schließen!

So waren wir mit unseren Einkäufen also innerhalb von 5 Tagen fertig und konnten uns bereit machen für die Weiterreise nach Tobago. Doch das könnt ihr dann im nächsten Blogbeitrag lesen!

Der ganz normale Wahnsinn

Unsere Fahrt nach Süden war bisher einigermaßen unspektakulär. Ich würde sagen, es war mal wieder einfach nur der ganz normale Wahnsinn.

Wir starteten Dienstag vor einer Woche bei Sonnenaufgang in Falmouth, Antigua mit ca. 20-25 Knoten Wind und recht hohen Wellen. Eigentlich ist das nicht unser Lieblingssegelwetter, aber da eine Tropische Welle nach der nächsten bei uns ankam, musste man halt einfach irgendwann mal los. So segelten wir ca. eine Stunde mit ziemlich steilen Wellen von der Seite, als eine Welle genau neben unserem Heck brach. Ich saß am Steuerstand und sah eine riesige Wand aus Wasser auf mich zukommen, duckte mich noch weg und rief „Achtung“, doch zu spät! Kai sagte, er sah nur noch, wie ich urplötzlich vom Wasser verschluckt wurde und dann traf die Wasserwand auch ihn. Wir waren beide von Kopf bis Fuß und von Jacke bis Unterhose klatschnass! Na, das fing ja toll an. In unserem Cockpit stand ca. 20cm hoch das Wasser und es dauerte eine ganze Weile bis es abgelaufen war. Das war uns in dem Ausmaß noch nie passiert!

So zogen wir also unsere nassen Klamotten aus, warfen sie in einen Eimer und zogen frische Kleidung an. Als wir um ca. 12:30 Uhr den Kanal durchquert hatten und es hinter Guadeloupe mit dem Seegang und Wind etwas besser wurde, wusch ich gleich unsere ganzen salzigen Klamotten aus und hängte sie zum Trocknen auf. Echt super, wenn man nun auch noch an den Segeltagen waschen muss, aber ich konnte die nassen salzigen Sachen ja schlecht tagelang in einem Eimer vor sich hin modern lassen.

Am nächsten Tag ging es dann morgens um 7 Uhr weiter nach Dominika. Der Wetterbericht sagte ca. 20 Knoten voraus, d.h. wir wären normalerweise mit dem 1. Reff im Segel gefahren, doch da es im Kanal zwischen Guadeloupe und Les Saintes immer bläst wie verrückt, gingen wir sicherheitshalber mal ins 2. Reff. Und das war auch mal wieder gut so! Hinter Guadeloupe hatten wir ca. 15 Knoten, dann streckten wir die Nasenspitze in den Kanal und „Bamm“ von einer Sekunde auf die andere hatten wir 33 Knoten auf unserer Anzeige stehen. Gut, dass wir mal wieder so vorsichtig waren!

Der Rest der Fahrt verlief dann jedoch recht unspektakulär. Es zogen zwar ab und an ein paar Regenschauer an uns vorbei, doch keiner traf uns. Normalerweise segelten wir immer nach Rosseau, wo wir für die Nacht an einer Boje festmachten. Doch dieses Mal hatte Kai im Revierführer gelesen, dass es kurz vor Rosseau noch eine kleine Ankerbucht gibt, in der man vor einem Sandstrand ankern kann. Da wir immer offen für Neues sind, wollten wir das mal ausprobieren. Zumal wir uns dadurch auch die €13,- für die Boje sparen konnten.

Die Bucht sah zwar nicht so richtig einladend aus, weil auf der einen Seite ein Schrottplatz und auf der anderen Seite ein Zementwerk war, aber wir wollten ja nur für eine Nacht bleiben. Das sollte schon passen. Und tatsächlich kehrte ab 18 Uhr wunderbare Ruhe ein und wir genossen die schöne Industrieromantik.

Am nächsten Tag ging es dann erneut um 7 Uhr los. Dieses Mal von Dominica nach Martinique. Auch hier war die Fahrt in den Kanal wieder wie erwartet. Von einer Sekunde auf die andere ging es von 16 auf 28 Knoten, doch das konnte uns ja mittlerweile nicht mehr erschrecken. Es klappte alles wunderbar, wir hatten im Kanal weniger Wind als an den Vortagen und konnten gemütlich im 1. Reff dahinsegeln.

Hinter Martinique mussten wir ein Stückchen motoren, doch dann nahte auch schon die Rade-de-Fort-de-France (eine riesige Bucht, in der auch die Hauptstadt Fort-de-France liegt), wo wir wieder segeln konnten. Aus Erfahrung wussten wir, dass es hier auch immer ordentlich bläst, doch da wir im 1. Reff waren, was gut bis zu 28 Knoten ist, waren wir ganz beruhigt.

Wir hatten zwischen 12-14 Knoten auf der Anzeige, als wir, ganz kurz vor der Einfahrt in den Kanal, ein paar schwarze Wolken hinter den Bergen hervorspitzeln sahen. Sollte da ausgerechnet jetzt ein Regenschauer auf uns zukommen? Ja, natürlich, dem war so! Mal wieder von einer Sekunde auf die andere, ging unsere Anzeige von 14 Knoten auf 33 Knoten hoch. Kai rief nur noch „Abfallen, abfallen, abfallen!“ und rannte an die Schoten, um die Segel mehr zu öffnen. Ich lenkte das Boot so weit ich konnte nach Lee (also vom Wind weg) und wir schossen mit immer höherer Geschwindigkeit dahin. Mir wurde Angst und Bange, als der Wind einfach nicht nachließ und wir immer schneller wurden. Das erste Reff ist eigentlich nur bis 28 Knoten ausgelegt und wir kennen genug Segler, denen genau bei solchen Gelegenheiten der Mast umgekracht war. Wir hatten ganz schön Muffensausen und ihr könnt euch sicher unsere Erleichterung vorstellen, als der Schauer endlich über uns hinweggezogen war und sich der Wind wieder normalisierte. So plötzlich wie er gekommen war, war er auch wieder vorbei. Es strahlte erneut die Sonne und wir fuhren gemütlich dahin. Puh, welch ein Schreck! Wir waren ganz schön froh, als wir um 17 Uhr unseren Anker vor dem schönen Sandstrand von Grande Anse eingruben. Nun hatten wir es fast geschafft!

Am nächsten Morgen ging es dann auf zu unserem gewohnten Zwischenstopp in Ste. Anne und Le Marin. Da ziemlich viele Regenschauer angekündigt waren, beschlossen wir dieses Mal nicht zu segeln, sondern ganz früh morgens, wenn noch nicht viel Wind herrscht, geschwind die 2,5 Stunden zu Motoren. So standen wir also mit dem ersten Sonnenstrahl um 5:15 Uhr auf und es ging los.

Die ersten fünf Meilen klappte alles super, doch dann setzte um ca. 6:30 Uhr plötzlich der Wind ein. Was sollte das denn jetzt? Bisher war es hier immer so gewesen, dass der Wind erst so ca. um 8:30-9:00 Uhr loslegte. Warum war das ausgerechnet heute anders? Da könnte man manchmal wirklich auf der Sau davon reiten! Da der Wind natürlich fast direkt von vorne kam, bremste er unsere Fahrt um ca. 1,5 Knoten. So zog Kai also doch schweren Herzens zumindest das Großsegel hoch, damit wir motorsegeln konnten und wieder etwas besser voran kamen.

Um 8:30 Uhr kamen wir in Ste. Anne an und waren heilfroh, dass wir unsere erste größere Etappe nach Süden geschafft hatten. Kai fuhr direkt mit dem Dingi zum Bäcker, um uns ein schönes frisches Baguette zu kaufen und wir hatten ein gemütliches Frühstück. Das hatten wir uns jetzt echt verdient!